Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Tänn

Tänn, Tenn auch Tä, Te n. ‘Tenn, Tenne’ ist zu schwdt. Tänn und Tenn n., im Wallis meist mit Schwund des auslautenden -nn, ‘ebener, freier Platz’ als Wiedergabe von lat. AREA, ‘in dieser Bedeutung in den Schweizer Flurnamen zum Teil noch erhalten’, ahd. tenni, tenne n., mhd. tenne m./f./n. und wdt. Te, Tennä (Goms), Tenna (Mattertal), Tänn (Lötschental), Tä ‘Tenne (Dreschplatz)’ (ID. 13, 114; Grichting 1998, 193) und Ort ‘zum Dreschen und Säubern des Getreides’ (ID. 13, 102 ff.; K. HUBER 1944, 27 ff.; V. SCHMID 2003, 200) zu stellen. Das HL kann – vor allem in historischen Belegen – mit dem HL Tanna ‘Tanne’ verwechselt werden. Einen Sonderfall stellt Tännu (Turtmann, cf. HL TÄNNU) dar, dessen älteste Belege als Tendona (cf. HL TENDONA) erscheinen.

In Lokalnamen bezeichnet das HL TÄNN häufig einfach eine ebene Fläche (so ID. 13, 114 Anmerkung) und kein Gebäude, trotz der Bemerkung in ID. (13, 111), wonach in alpinen Gebieten eine “Hochtenne” gemeint sein könne.

Das Simplex ist im Singular belegt als ts Tä ‘das Tenn’ (Eischoll), Tänn ‘das Tenn’ (LT, FLNK, Wiler; SK Tenn), im Te ‘im Tenn’ (Bitsch), zum Te ‘beim Tenn’ (St. Niklaus), zem Tenne ‘beim Tenn’ (1460 u. später, Zermatt), das Tenne ‘das Tenn’ (1310, Baltschieder), auffem Then ‘auf dem Tenn’ (1617 u. später, Erschmatt). Als Feminin ist di Tenni ‘die Tenne’ (Termen) bezeugt, schon 1418 als die Tennÿ. Feminines Genus ist im Hochdeutschen gut belegt (vgl. GRWB 21, 253 ff. s. v. Tenne), nicht aber im Walliserdeutschen.

Das Simplex im Plural erscheint als ze Tännu ‘bei den Tennen’ (Zeneggen), Zen Tennen ‘bei den Tennen’ (1329, Lalden; 1688, Visp), Zen Tennu ‘bei den Tennen’ (Törbel) und Zen Thennen ‘bei den Tennen’ (1601, Naters. Eine seltsame Form des Plurals ist Zantennu ‘bei den Tennen’ (Eggerberg), das 1306 am Tenne, 1437 zen Tennen, 1619 zun Tennen usw. genannt wird; erst 1859 wird es Z’ Ant=Tennen geschrieben. Warum hier das anlautende Zen ‘bei den’ verändert wurde, bleibt unklar.

Als Diminutiv im Singular findet sich ts Tennli ‘das kleine Tenn’ (Oberwald) mit einem kleinen Namennest: ts Hinnerscht Tenli ‘das hinterste kleine Tenn’ (Oberwald), im Fordren Tendli ‘im vorderen kleinen Tenn’ (1725, Oberwald), Thenlj Weeg ‘der Weg zum Tennli’ (1778 u. später, Oberwald) und di Tennliweng ‘die Grasabhänge beim Gebiet kleine Tenne’ (Oberwald). Vermutlich ein Plural des Diminutivs ist belegt in zen Tenli ‘bei den kleinen Tennen / bei den kleinen Tannen’ (1548, Hohtenn).

Attributive Adjektive zum HL sind vor allem im mehrfach belegten ts Ho'te ‘das hohe Tenn’ (Bratsch, Hohtenn, Mund), Hotee (FLNK, Ausserberg (SK Hohtenn, LT Hotee); FLNK, Betten), aúff dem Hothen (1782, Erschmatt; 1673, Raron), jm Hohten (1714 u. später, Visperterminen), Bahnstation Hohtenn ‘die Station (Bahnhof) Hohtenn der BLS’ (FLNK, Hohtenn; LT Stn. Hohtenn) vertreten. Weiter finden sich im Hintern Tennen ‘im hinteren Tenn’ (1818, Gampel), ts Inder Tänn ‘das innere (taleinwärts liegende) Tenn’ (Wiler) und ts Uister Tänn ‘das äussere (talauswärts liegende) Tenn’ (Wiler).

Vorangestellte Genitive in zweigliedrigen Konstruktionen sind: Berthols Tenne ‘Berchtolds Tenn’ (1435, Bitsch), Habersch Te ‘das Tenn der Familie Haber / des Haber (da Name sonst unbekannt, wohl Tenn des Hafers)’ (Mund), ts Walkersch Te ‘das Tenn der Familie Walker’ (Törbel), Walkersthen ‘das Tenn der Familie Walker’ (1840, Embd, gemeint ist aber wohl die gleiche Flur in Törbel).

Das HL ist nie Grundwort in zweigliedrigen Komposita. Hingegen ist es als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern belegt: Acher, Bach, Biel, Biina, Bodu, Brunnu, Fura, Grabu, Güet, Holz, Hüs, Matta, Schiir, Schleif, Stadel, Wang und Wäg. Komplexere Formen sind ts Inner Tewaldji ‘der innere kleine Wald beim Tenn’ (Saas-Balen), z Obrest den Thenfúren ‘zuoberst den Furchen beim Tenn’ (1603 u. später, Niedergesteln), Thenflien Tschuggen ‘der Fels bei den Flühen beim Tenn’ (1696, Zeneggen) und andere.

Einen sehr interessanten Fall bildet das HL in der Gemeinde Wiler, wo es einen Weiler Tänn ‘das Tenn’ (Wiler) gibt, etwa einen Kilometer nordwestlich des Dorfes; er besteht aus ts Inder Tänn ‘das innere (taleinwärts liegende) Tenn’ und ts Uister Tänn ‘das äussere (talauswärts liegende) Tenn’ (beide Wiler). Auf der rechten Talseite finden sich ufem Tänbach ‘auf dem Gebiet beim Tännbach’ kurz vor der Einmündung des Tännbachs in die Lonza, der Bach dort heisst Tännbach (LT, Wiler) und an seinem nördlichen Ende finden sich auf der Höhe Tämbachgletscher ‘der Tännbachgletscher’ (FLNK, Wiler), ts Tänbahoren ‘das Tännbachhorn’ (Wiler, Gipfelname (2832 m), LT u. SK Tennbachhorn), darunter di Tänbachbletschä ‘die Bletschä (Ebenen) beim Tännbach’ (Wiler), dr Leid Tänbach ‘das hässliche Gebiet am Tännbach’ und an der Mündung des Baches di Tännbachachra ‘die Äcker beim Tännbach’ und di Tänbachweidä ‘die Weiden am Tännbach’. Die Lonza überquert der Tännärstäg ‘die Brücke über die Lonza bei Tänn (Tenn)’, darum herum sind di Tänn(e)rreina ‘die Raine (Abhang) beim Tänn (Tenn)’ und di Tännärgendär ‘die Geröllhalden beim Tänn (Tenne)’, ihnen folgen di Tännärweide ‘die Weide beim Gebiet Tänn’. Der Bach, der hier durchfliesst, heisst dr Tännerbach ‘der Bach, der durch die Tännerra fliesst’ und die Schlucht, durch die er fliesst, Tännerra ‘die Schlucht der Leute von Tänn’ (LT), darüber sind di Tännärbletschä ‘die Ebene bei der Tännerra’ und di Tännärbrinn ‘die Brunnen / Quellen im Gebiet der Tännerra’, etwas weiter oben ts Inder und ts Uister Tännärchinn ‘die innere und die äussere Tännerschlucht’. Beim Austritt des Tännerbachs aus der Schlucht findet sich dr Tännerchrumm ‘die ummauerte Weide im Gebiet Tännerra’, im Wald daneben ts Tännärschleifli ‘der kleine Schleif bei der Tännerra’, gleich daneben di Tännärholzfeeli ‘die Holzfeli (Holzfallgraben) bei der Tännera’. Alle Namen sind in Wiler belegt. Es scheint also, dass der Weiler einerseits dem nördlich gelegenen Gebiet den Namen Tänn (Tenn) gegeben hat, während das südlich gelegen Tal als die Schlucht der Leute von Tänn bezeichnet wurde und die verschiedenen Namen danach benannt wurden. Tännera (die Schreibweise auf LT) ist wohl eine -ERRA-Ableitung (SONDEREGGER 1958, 471 f.), hier zu den Bewohnern von Tänn (Tenn): ‘das Gebiet der Leute von Tänn (Schlucht des Tännerbachs)’. Es ist einer der wenigen Fälle, wo sich zwei Täler in der Ableitung vom gleichen Grundwort Tänn unterscheiden.

Zu diesen komplexen Bestimmungswörtern gibt es eine Reihe von komplexen Formen mit Hotee ‘hohes Tenn’ wie t Alt Hotentreichi ‘die alte Tränke der Leute von Hohtenn (Weiler von Visperterminen), Hohtenn Boden ‘der Boden bei Hohtenn / beim hohen Tenn’ (1852, Steg), Hohtenndorna ‘die Dornbüsche bei Hohtenn’ (FLNK, Hohtenn), der Hootennbodu ‘der Boden bei Hohtenn / beim hohen Tenn’ (Niedergesteln), t Hoteachra ‘die Äcker beim Gebiet Hotee (hohes Tenn)’ (Betten), aúf den Hothen Boden ‘der Boden, der zu Hohtenn gehört’ (1852, Hohtenn), t Hotewasserleita ‘die Wasserleitung zum Hotee (hohes Tenn)’ (Visperterminen) und viele andere, die sich auf die verschiedenen Hotee ‘hohes Tenn’ beziehen. Ein seltener Genitiv Plural findet sich in Hotenner Riedbärg ‘der Riedbärg, der zu Hohtenn gehört’ (FLNK, Niedergesteln).

Eine Ableitung auf -IG- findet sich in Tänigu ‘bei den Leuten von der Tenne / des Anton (?)’, wo unklar ist, ob sich der Name auf Tänn ‘Tenne’ oder eine Kurzform des Namens Anton bezieht.

Eine Ableitung auf -ERI, resp. -ERRA für Wasserleitungen ist in di Tenneri ‘die Wasserleitung (führt von der Lonza bis Zantennu)’ (Eggerberg), die Thennerÿ ‘die Wasserleitung Tenneri’ (1578, Lalden) und ob der Tennerrun ‘oberhalb der Wasserleitung vom / zum Tenn’ (1542, Mund) belegt.

VSNB, Bd. 4, Sp. 311

Vorkommen

dä

tä

täl (Tänn)

täm

tän

tänigu

tänn

tännär

tännärra

tännärru

tännji

tännu (Tänn)

te

te(n)

tee

ten

tenen

tengi

teni

tenli

tenn

tenne

tennen

tenner

tenneri

tennerrun

tenni

tennjen

tennli

tennu

thaen

then

thener

thenn

thennen

thenneri

zantennu