Binna
Die Binna entspringt am Fusse des Ofenhorns und fliesst durch das Binntal bei Grengiols in den Rotten. Die historischen Belege für den Fluss überschneiden sich teilweise mit jenen für den Gemeindenamen und den Talnamen. Sicher ist der Fluss bezeugt 1437 aquam bunne ‘das Wasser der Binna’ und 1468 supra aquam der bünnen ‘oberhalb des Wassers der Binna’, 1528 wird der Fluss an pinnen ‘bei der Binna’ benannt, 1714 Bünna, 1768 Binna. Der Flussname ist – soweit belegt – immer zur Form Bunn / Binn zu stellen und nicht zur Alternativform Bundolo (für das Binntal). Die /-A/-Ableitung für Gewässer ist auch sonst üblich (z. B. Turtmänna, Vispa), wobei unklar ist, ob ursprünglich ein alemannisches Suffix /-AHA/ oder ein romanisches Suffix /-ONA/ oder /-ANA/ vorliegt. Naheliegend ist die Annahme, dass der Flussname auf Grund des Siedlungsnamens entstand und nicht umgekehrt; Indiz dafür ist die /-A/-Ableitung.
Die Flurnamen, die sich auf die Binna beziehen, sind unter dem HL BINN verzeichnet. In einigen Fällen ist unsicher, ob Binna oder Biina ‘Pflanzplatz’ vorliegt.
VSNB, Bd. 1, Sp. 218
Binn
Die Gemeinde Binn, dial. Bi, ist eine Streusiedlung im Binntal, einem Seitental, durch das seit alters die Strasse über den früher wichtigen Albrunpass führte. Zentrum ist Schmidigehischere, andere Weiler sind Ze Binne, Wilere, Giesse und Fäld. Diese erkennbar deutschen Namen kontrastieren mit der Überlieferung des Gemeindenamens, der allerdings auch auf die Binna passen könnte, die das Tal entwässert. Der älteste Beleg von 1246 lautet: Jn tota valle de buyn tam in monte quam Jn plano ‘im ganzen Tal von Binn, sowohl auf dem Berg, wie im Grund’. Die Schreibung legt eine Form Bün nahe; die entrundete Form Binn erscheint, wie zu erwarten, erst nach 1500. (Der Beleg 1485 Zen Bunnon bezieht sich auf den Weilernamen Ze Binne; hier ist vermutlich das Lemma Bina (ID. 4, 3121) enthalten und nicht Binn). Die längere Form Bundolo / Bondolo ist sehr häufig mit vallis verbunden. Es scheint sich also um eine Benennung für die Binna und ihr Tal zu handeln. MÜLLLER (1939–46, 218) schlägt vor, Binn zu einem germ. PN wie Binni zu stellen, was schon aus lautlichen Gründen nicht geht. WERLEN (1991, 244) erwägt eine Ableitung Büntele von Büne/Bünt ‘eingezäuntes Grundstück’ (ID. 4, 3121); das ist aber aus lautlichen, wie morphologischen Gründen nur für Ze Binne möglich. Die Beziehung zwischen den zwei überlieferten Namenformen: Buyn > Bün > Binn und Bondolo / Bundolo ist unklar; die Belege sind für eine sichere Deutung zu jung. Archäologische Funde im Tal seit der Latène-Zeit lassen an sehr alte Namen denken. Eine Ableitung von Bondolo / Bundolo aus Buyn/Bün (mit welchem Suffix?) ist nur dann möglich, wenn der überlieferten Form Bün eine ältere *Bun/Bon zu Grunde liegen würde und sich daraus eine suffigierte Form Bundolo / Bondolo entwickelt haben könnte. Ein Zusammenhang mit dem Lemma Tola (ID. 12, 1676 ff.) ‘Vertiefung, Loch, Höhle’ ist eher unwahrscheinlich, weil das Genus nicht übereinstimmt. Bondolo / Bundolo könnte aber auch vom kelt. Stamm *bunda ‘Grund, Boden’ abgeleitet sein (cf. Bondo GR); entsprechende rom. Namen bezeichnen Ortschaften, die im Talgrund liegen. Für die Formen vom Typus Buyn / Binn könnte ev. an den Stamm *buina ‘Baumstrunk’ (GPSR 2, 637; bei KRISTOL ET AL. 2005 falsch als 627) gedacht werden, der im Wallis in der Bed. ‘Holzschüssel’ belegt ist; Geländemulden werden rel. häufig metaphorisch als ‘Schüssel’ bezeichnet. Beim gegenwärtigen Forschungsstand bleiben Herkunft und Bedeutung des Namens sehr unsicher (KRISTOL ET AL. 2005, 157).
Neben dem Simplex Bi ‘Binn’ kommt der Bachname di Binna (Grengiols), t Binna (Binna) und Binna (FLNK, Ernen) vor.
Komplexer ist Üsserbi ‘Ausserbinn’ (Ausserbinn), ein früherer Gemeindename (heute Ernen) einer Siedlung am Ausgang des Binntales, wozu auch ts Läz Üsserbi ‘das linke, schattseitige Ausserbinn’ (Ausserbinn) gehört. Historisch sind hierzu Aŭserbinner Alpen ‘die Alpen von Ausserbinn’ (1844, Ernen) und an den Gemeinen Aúserbinner Wald ‘an den Ausserbinner Wald, der der Gemeinde gehört’ (1847, Ausserbinn) belegt.
Weiter ist historisch (auf Latein) apud interiorem buyn ‘beim inneren Binn’ (1320 u. später, Binn) und im Vseren Innerbin ‘im äusseren Innerbinn’ (1526, Binn) bezeugt. 1757 erscheint auch jhm Hiendren Binn ‘im hinteren Binn’ (Binn).
Als Bestimmungswort ist zu unterscheiden zwischen dem Gemeindenamen Bi, das nur mit den Grundwörtern Alpa und Egg(a) erscheint, und dem Gewässernamen Binna, der in Binntal (LT und SK, Binn) und erweitert in Binntalhitta SAC ‘Binntalhütte SAC (Schutzhütte, SAC Delémont)’ (FLNK, Binn; LT Binntalhütte) belegt ist. Er kommt auch in Ernen als t Binachra ‘die Äcker an der Binna’, t Binegga ‘die Ecke im Binntal’, dÿ Bungassen ‘die Gasse zur Binna / nach Binn’ (1490 u. später; das lebende FLNK Biinegassa (FLNK) bezieht sich wohl auf Ze Binne). Komplexer sind hier Binnacherwald ‘der Wald bei den Binnäckern’ (FLNK), Binnacherwäg ‘der Weg zu den Binnäckern’ (FLNK) und Biwaudwäg ‘der Weg zum Binnwald’ (FLNK). In Ausserbinn ist Binnechi ‘das Kinn (Schlucht) der Binna’ (FLNK) belegt.
Eine Ableitung auf /-ER/ (wohl früherer Genitiv Plural, vgl. SONDEREGGER 1958, 526 ff.) ist in Binnergale ‘der Grasrücken der Leute von Binn’ (Binn) bezeugt.
VSNB, Bd. 1, Sp. 217
Vorkommen
bi (Binn)
bin (Binn)
binn
- Binnacherwäg Ernen
- Binnacherwaud Ernen
binn (Binn)
- Binntal Binn
- Binntalhütte SAC Binn
binna (Binn)
binna (Binn)
- Binna Ernen
binne (Binn)
- Binnechi Ausserbinn
binner
- Ausserbinner Alpen Ernen
- Ausserbinner Waud Ausserbinn
- Binnergale Binn