Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Verweise für Hauptlemma

Bräche

Hauptlemma

Bruch

Bruch m., Brich Pl. ist zu schwdt. Brŭch m. ‘Bruch, Vorgang des Brechens’, ‘eine durch die Natur bewirkte Losreissung der Erde oder Gesteins; Erdbruch, Erdrutsch an Berghalden, bes. in Folge von Regengüssen’, ‘Steinbruch, auch Kies- und Sandgrube’ und wdt. Bruch ‘Unterbruch, Abbruch’ (weitere Varianten weggelassen) (ID. 5, 367 ff.; GRICHTING 1998, 42) zu stellen. Es ist mit Ablaut zum Verb brëch2en ‘brechen’ (ID. 5, 316 ff.) gebildet, zu dem es mehrere weitere Ableitungen gibt (s. unten).

Zu Bruch sind auch schwdt. Ab-Brŭch m. ‘das Abbrechen im eig. Sinn’ (…) ‘Neubruch’ (ID. 5, 368 f.), schwdt. An-Brŭch ‘das Heran-, Losbrechen’ (ID. 5, 371, hier im Sinn von ‘Anbruchstelle’), schwdt. Ûf-Brŭch m. und schwdt. Nǖw-, Neu-Brŭch m. ‘das Aufbrechen eines Zaunes; das Aufbrechen, Umpflügen des Bodens, spez. zum Zwecke unbebautes Land, Wiesen zu Kulturland (Acker) zu machen; das frisch umgebrochene Land selbst, Neubruch’ (ID. 5, 369, 375), schwdt. Ërd-Brŭch m. von trichterförmigen Einsenkungen der Erde auf Bergen, wo tiefer, erdiger Untergrund sich befindet (ID. 5, 371 f.), schwdt. Bërg-Brŭch m. ‘Bergsturz’ (ID. 5, 375) und schwdt. Bei(n)-Brŭch m. ‘Name steiler, steiniger Wege’ (ID. 5, 378) zu stellen. Die Bedeutung von Bruch variiert also je nach Kontext. Häufig sind Geröllhalden, Erdrutsche, Bodenabbrüche gemeint, es kann sich aber auch um neu aufgebrochenes Land handeln. Die Bedeutung von Steinbruch ist doppelt: zum einen die Gewinnung von Steinen für Bauten, zum andern ein Felsabbruch mit Steinen. Der Zusammenhang mit dem Verb brëchen ‘brechen’ wird in den Formen wie Brëchen ‘Werkzeug zum Brechen, Sturz losgerissenen Gesteines an steilen Abhängen’ (ID. 5, 314 f.) oder Bei-Brächi ‘der Ort, wo man sich die Knochen brechen kann’ (rund fünfzehn Belege) und den Partizipia vom Typ gibrochu ‘gebrochen’ (siehe unten) hergestellt.

Das Simplex kommt im Singular als Bruch acht Mal vor. Der Plural ist verschieden: in den Bruchen (1514, Selkingen), zen Brúchon (1418, Geschinen), jn den Brú- chen (1554, Filet), vor allem aber als umgelauteter und entrundeter Plural Brich mit insgesamt rund zwanzig Belegen. In Einzelfällen wie jn den Brúchen (1696, Filet) und In den Brüchen (Zermatt) ist unklar, ob das HL BRUCH oder das HL BRÜCH (Heidekraut, Erika) vorliegt. Der Diminutiv im Singular ist ts Brichji (Embd), ts Bruchi (Naters), ts Bruchji (Ausserberg, Naters). Im Plural ist belegt di Bruchjini (Hohtenn).

Attributive Adjektive zum HL sind jn der Nüwbrichenn (1545, Bürchen; 1468 jn der nyw bricht; 1511 jn dernibrit) [ein unklarer Beleg, vermutlich zum HL IIBRICHTI f. zu stellen, aber 1545 wohl umgedeutet, vgl. GATTLEN 2007, 45 s. v. Ibri], t Obru Brich ‘die oberen Brüche’ und t Undru Brich ‘die unteren Brüche’ (beide Mund), jm Nÿbruch (1589, Leuk), Niiwbruch (FLNK, Gampel), an den Núbrú- chen (1474, Mörel), an den Núwbrúchen (1544, Unterbäch), beÿ dem undren Bruch (1734, Visp).

Vorangestellte Genitive zum HL sind selten: ts Steinersch Brich ‘die Brüche der Familie Steiner’ (Mund) und – komplexer – ts Perigsch Steibruch ‘der Steinbruch der Familie Perrig’ (Ried-Brig).

Als Grundwort ist Bruch verbunden mit den Präfixen Ab, An, Üüf und Üs. Belegt sind: t Abbrucheiu ‘die Abbruch-Aue’ (Agarn, Leuk) – die Aue lag an einem Abbruch entweder des Rotten oder des Märetschibaches; heute ist die Stelle durch die Kantonsstrasse überbaut. Der Abruch ‘Anbruch’ (Leuk) ist die Anbruchstelle eines Erdrutsches. Der Typ Üüfbruch kommt als der Üfbruch ‘das aufgebrochene Land’ (Eischoll, Unterbäch, Visperterminen), Üfbruch ‘das aufgebrochene Land’ (FLNK, St. Niklaus), im Üfbruch ‘im aufgebrochenen Land’ (Zeneggen), der Üüfbruch ‘das aufgebrochene Land’ (Ausserberg, Hohtenn) vor. Historische Belege sind: jm Aúffbrúch ‘im aufgebrochenen Land’ (1733, Raron), auf dem Aufbruch ‘auf dem aufgebrochenen Land’ (1763 u. später, Ausserberg; 1735 als Plural jn den Uffbrüchen), in den Aúfbrichen ‘in den aufgebrochenen Stücken Land’ (1874, Guttet), im Auffbruch ‘im aufgebrochenen Land’ (1712, Oberems; 17450 im Uffbruch). Komplexer sind in den Aúfbrúchacheren ‘in den Äckern im neu aufgebrochenen Land’ (1803, Eischoll) und der Aŭfbrŭchgarten ‘der Garten im aufgebrochenen Land’ (1815, Salgesch). Ein Attribut erscheint in der Neiw Aufbrúch ‘das neu aufgebrochene Stück Land’ (1670 (ca.), Leuk). Einen vorangestellten Genitiv findet man in ts Peetersch Üüfbruch ‘das neu aufgebrochene Land des Peter’ (Brigerbad). Der Typ Üsbruch kommt als der Üsbruch ‘der Ausbruch (Abbruch von Felsen)’ (Grengiols, zweimal), der Üsbruch ‘der Ausbruch (Rutschgebiet)’ und ‘der Ausbruch (Ausbruch von Felsen)’ (St. Niklaus, zweimal), der Üsbruch ‘der Ausbruch (von Steinen)’ (Randa, zweimal), der Üssbruch ‘der Ausbruch (von Felsgestein)’ (Embd) vor. Weiter sind als zweigliedrige Komposita belegt: im Brŭnbruch ‘im Bruch mit Brunnen / Quellen’ (1831, Betten), zen Ertbruchen ‘bei den Erdbrüchen’ (1449, Zermatt), t Äärdbrich ‘die Erdbrüche’ (Zermaat), der Steibruch ‘der Steinbruch’ (Baltschieder und weitere fünf Belege) und der Steinbruch (Ausserberg; 1692, Lalden). Komplexer ist Alt Steibruch (FLNK, Embd).

Als Bestimmungswort findet sich das HL mit den Grundwörtern Acher, Bäärg, Egga, Grabu, Gufer, Haalta, Statt, Tola, Tossu, Wäg, Wald, Wang, Wanna und Wasser. Komplexer sind Konstruktionen wie t Niwbruchcheerlini ‘die kleinen Wegkurven beim Neubruch’ (Gampel), der Ober Niiwbruchbodu ‘der obere Teil des Bodens beim Neubruch’ (Gampel), t Steinbruch(e)räbe ‘die Reben im Gebiet des Steinbruchs’ (Hohtenn), uf der Äprichwasserleitu ‘auf der Wasserleitung bei den Erdbrüchen’ (Zermatt) und andere. Einen bemerkenswerten Fall stellen die Brichbärge ‘die bergwärts liegenden Gebiete oberhalb der Brüche (Alpen)’ (LT, Münster) dar, die auch als t Bruchbärge (Münster) belegt sind; es gibt dazu t Hinnerscht, t Mittlescht und t Vorderscht Bruchbärglamme ‘der hinterste, mittleste und vorderste steile Graben am Bruchberg’ (alle Münster).

Eine Ableitung auf /-ER/ (ursprünglich ein Genitiv Plural) ist in der Bruchersee ‘der See beim Bruchi (kleiner Bruch)’ (Naters) belegt. Unklar ist der Brucherbach (1604, Fiesch). Da es in Fieschertal der Brücherbach gibt, der historisch als Brucherbach bezeugt ist, dürfte der Name in beiden Fällen zum HL BRÜCH ‘Heidenkraut, Erika’ gehören.

Nur einmal kommt das Adjektiv bruchlig ‘bröcklend’ (Embd) vor (zu brüchlig (ID. 5, 381). (Die in BENB 1, 4, 578 f. erwähnten Fälle mit Bruoch ‘Moorboden, Sumpf’ und Bruuch ‘Heidekraut’ sind aus lautlichen Gründen im Oberwallis ausgeschlossen, cf. HL BRÜECH, HL BRÜCH).

Die übrigen Ableitungen zum Verb brëchen sind: Brächa f. in die Brechon ‘die Brechstelle’ (1448, Termen, hier im Akkusativ Singular), di Bärubrächa (Eggerberg), wörtlich ‘der Ort, wo die Bära (Schubkarren) gebrochen wird’, vermutlich zu verstehen als ‘der Ort, wo man mit der Bära (Schubkarre) nicht weiter kommt’ (Eggerberg); der gleiche Typ in jn der Berenbrechen (1564, Baltschieder). Ein Kompositum ist auch t Abräche ‘die Anbruchstellen (für Lawinen und Geröll)’ (Münster). Brächi n. im Typ ts Beibrächi ‘der Ort, wo man die Knochen brechen kann’ (Oberwald und weitere), auch ts Beinbrächi (Unterbäch) und mit Präpositionen wie bim, am, im usw. und Brächi f. t Beinbrächi ‘der Ort, wo man die Knochen brechen kann’ (Hohtenn). Einen Diminutiv Plural findet man in t Chnewbrächjini ‘die kleinen steilen Stellen, wo man sich das Knie brechen kann’ (Mund).

Schliesslich sind die attributiv verwendeten Partizipia des Perfekts von brëchen zu nennen: t Broche Hitte ‘die gebrochenen (zerstörten) (Alp-)Hütten’ (Obergesteln), bim Brochne Gade ‘beim gebrochenen (zerstörten) Gaden (Stall)’ (Ritzingen), die gebrochne Hitten ‘die gebrochene (zerstörte) Hütte’ (1730, Ried-Brig), ts Gibrochu Hitgi ‘die kleine, gebrochene (zerstörte) Alp-Hütte’ (Simplon), bÿ dem gebrochnen Haus ‘bei dem gebrochenen (zerstörten) Haus’ (1679 u. später, Simplon).

Weiter sind Partizipien wie ts Gibrächtji (FLNK, Naters) belegt (1765 im Gebrächti), eine Flur unterhalb von Geimen, deren Deutung unklar ist, aber wohl ‘der kleine Ort, wo es Bäume brach’ meinen kann.

VSNB, Bd. 1, Sp. 287

Vorkommen

bräch

brächa

bräche

brächi

brächjini

breche

brechen

brechon

brich

briche

brichen

brichi

brichini

brichji

brichu

broche

brochne

bruch

brüchen

bruchen

brüchen

bruchen

brucher

bruchi

bruchji

bruchjini

bruchlige

gebrochne

gibrächtji

gibrochu

nibruch

prich