Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Fall

Fall m., auch Fell n. ist zu schwdt. Fall, Fāl m., ahd. fal, mhd. val m. wie nhd. ‘das Fallen’, im Berggelände eine ‘abfallende Wand im Gestein’, auch Fall eines Baches oder Flusses oder ‘terrassenförmiges Gelände’, in FlN auch als Bezeichnung von Örtlichkeiten ‘wo etwas herunterfällt’ und wdt. Fall ‘Fall, Absturz, Sachlage’ (ID. 1, 734 ff.; BENB 1, 1, 111; GRICHTING 1998, 76; ZIMMERMANN 1968, 104; ZINSLI 1946, 126, 212, 317 f.) zu stellen.

Die Motivation der rund 100 Flurnamen ist nicht immer klar feststellbar. Überschneidungen mit Falle f. ‘die Falle’ sind möglich.

Das Simplex ist als der Fall ‘steil abfallende Felsen’ (Salgesch; nicht bei MATHIER 2015) nur einmal belegt; häufiger ist ts Fell ‘das Gefäll (steile Wiese)’ (Täsch), zum Fell ‘beim steilen Abhang’, Fell ‘der steile Abhang’ (Blatten), historisch zum Fell ‘beim Fell (unklar, mangels Kontext)’ (1588, Eggerberg) und am Fell ‘am Felsabhang (?)’ (1680, St. Niklaus). Die Belege mit dem Neutrum stellen wohl ein Kollektivum dar. Eine seltsame Form ist an den Felli ‘der steile Abhang’ (1807, Mörel), das als Maskulinum konstruiert ist, was sonst bei dieser Form nicht möglich ist.

Unsicher ist, ob vff dij Fellji ‘auf den Ort, wo man fällt’ (1489, Mühlebach) ein feminines Simplex ist oder eine feminine Ableitung.

Einen sicheren Plural stellt t Fele ‘die Fälle (steiles Gelände mit Wasserfall)’ (Reckingen; FLNK Fäle) dar.

Attributive Adjektive zum HL in zweigliedrigen Konstruktionen sind: zum Ersten Fall ‘der erste Fall (unklar)’ (Mund), der Hoch Fall ‘der hohe Fall (senkrechte Felswand, vgl. R. GRICHTING 1993, Blatt 7, Nr. 5), ts Inner und ts Uister Fell ‘der innere (taleinwärts liegende) und der äussere (talauswärts liegende) steile Abfall’ (Blatten), zum Lengu Fell ‘beim langen steilen Abhang’ (Staldenried), bim Niwwufall ‘beim (Wasser-)fall der neuen Wasserleitung’ (Ried-Brig), der Ober Fell ‘das obere Gebiet mit einem (Wasser-)fall’ (Saas-Balen, maskulin!), ts Oberfäll ‘das Oberfäll (FLNK Uberfäll ‘oberhalb des Felsabhangs’?)’ (Naters), ts Uberfäll ‘das jenseits gelegene steile Stück / Feld (laut FLNK Uberfäld, Gegenstück zum Weiler Fäld?)’ (Törbel), ts Unner Fell ‘das untere Gebiet mit einem (Wasser-)Fall’ (Saas-Balen, Neutrum).

Vorangestellte Genitive sind selten: der Brägjerrufall ‘der Wasserfall der Wasserleitung, die zum Brägji führt’ (Niedergesteln), der Chummerufall ‘der Wasserfall der Chummerra (Wasserleituntg in die Chumma (Mulde))’ (Raron). In beiden Flurnamen sind Wasserleitungen betroffen.

Als Grundwort erscheint das HL in zweigliedrigen Komposita vor allem als der Wasserfall ‘der Wasserfall (des jeweiligen Baches)’ u. a. in Zwischbergen und sechs weiteren Gemeinden (JORDAN (2006, 279 und 296 kennt Wassärfall zweimal, meint aber an beiden Stellen den gleichen Wasserfall). Weitere Belege sind der Eschilfall ‘der Fels, über den verendende Maultiere gestürzt wurden (laut Gwp.)’ (Ergisch) (wohl vergleichbar mit Märufelli), Gibjerifall ‘der Fall (wohl Wasserfall) der Gibjeri (Wasserleitung Wasserleitung aus dem Gibji)’ (Ried-Brig) und ts Gugerfell ‘der steile Abhang im Gebiet Guger’ (Stalden). der Pfoisfall ‘der (Wasser-)Fall beim Gebiet Pfois (Quelle / Brunnen)’ (Leukerbad, auch bei R. GRICHTING 1993, Blatt 13, Nr. 13 u. Blatt 14, Nr. 14).

Komplexere Konstruktionen sind etwa dr Chleiloiwinbachfall ‘die Felswand / der Wasserfall des kleinen Baches in der Loiwina’ (Blatten), der Längulöüwinufall ‘die Fallstelle der Lawine im langen Lawinengraben’ (Gampel), der Märetschuwasserfall ‘der Wasserfall zwischen den Märetschi-Seen (Sumpfgebiet)’ (Leuk), das Obere Eischtbachfell ‘der obere Teil des Eistbaches (Wasserfall, steile Stelle?), ts Wiiss Stockfell ‘der weisse Felsenabfall?’ (Stalden) und weitere.

Als Bestimmungswort verbindet sich das HL (als Fall oder Fell) mit folgenden Grundwörtern zu zweigliedrigen Komposita: Acher, Bach, Bodu, Egg(a), Flüö, Gletscher, Grabu, Gufer, Löuwina, Matta, Tschugge, Wald und Zug.

Komplexer sind etwa: Fallflüeachär ‘der Acker bei der Fallflüe (fallende Fluh)’ (Leuk), der Fallflüeschleif ‘der Schleif über die Fallflüe (steil abfallende Fluh)’ (Leuk), z Fellacherschür ‘bei der Scheuer am Fellacher’ (1751, Bürchen), der Hinnerscht Fallgrabe ‘der hinterste Graben mit einem Fall (senkrechtes Felsstück)’ (Obergesteln) und andere.

Einen seltsamen Sonderfall bietet Fällhäuser (SK, Ausserbinn), das sich nur auf SK befindet. Eine Deutung ist nicht möglich. Wohl ein Pflanzenname liegt vor in ts Faluchrüt ‘Pflanzenname für Arnica Montana (Arnika) (ID. 3, 899), dt. auch Berg-Wohlverlei’ (Täsch; bei LAUBER / WAGNER / GYGAX 52014, 1118 als ARNICA MONTANA belegt). Hingegen ist wohl der Faluwald ‘der Wald beim Fall (steiles Gelände?)’ (St. Niklaus) zum HL FALL zu stellen; die Gwp. sagt, er sei zuunterst „in denu Fälu“, wobei dieser Flurname nicht vorkommt.

Die Ableitung Felli f. ‘das Fallen, die durch Sturmwind oder andere Naturgewalt herbeigeführte Verheerung im Walde; gefährliche Stelle auf den Alpen, wo das Vieh leicht fällt’ (ID. 1, 761) handelt es sich um eine Abstraktbildung auf -ÎN (SONDEREGGER 1958, 497) zum Verb fallen, ahd. fallî f. fellîna für ‘Felsabsätze’. Belegt ist t Feli ‘das von der Lawine gefällte Holz’ (Kippel). Plurale sind ine Felinu ‘in den steilen Gebieten (Gwp. meint „Holzschlaggebiete“)’ (Saas-Grund) und ine Felinu ‘in den steilen Abhängen’ (Zeneggen), wo sich auch in der undren Fellelun ‘im unteren Teil des steilen Abhangs’ (1703, Zeneggen) findet, wohl eine Diminutivbildung. Dreimal ist das Grundwort im Kompositum belegt: t Märafelli ‘der Ort, wo Mähren (Pferde) hinunterfallen’ (Törbel), t Märufelli (Embd) und Märufelli (Zeneggen), wobei die Belege aus Törbel und Zeneggen den gleichen Ort meinen. Als Bestimmungswort findet Felli sich in t Fellischlüecht ‘die Geländeeinbuchtung, wo Lawinen fallen können’ (Grengiols) und Fellÿwasserleitung ‘die Wasserleitung mit einem Gefälle?’ (1847, Binn).

Von Verben abgeleitete Bildungen sind: der Falländ Bach ‘der Bach mit einem Wasserfall’ (Blatten), ts Gfalle Holz ‘das gefallene Holz (wohl einzelne Bäume, bei Sturm oder Schnee umgefallen)’ (Oberwald), der Gfallt Wald ‘der abschüssige Wald’ (Ried-Brig), t Verfalle Lamme ‘der mit gefallenen Felsen gefüllte Graben’ (Reckingen), im Zerfalnen Stadel ‘im zerfallenen Stadel’ (1738, Birgisch) und z Fallen Gaden ‘beim verfallenen Gaden (Stall) (?)’ (1549, Niederwald). Nicht immer klar ist die Unterscheidung zum HL FÄLE, das zu Fälach ‘Weidebaum’ gestellt wurde.

VSNB, Bd. 2, Sp. 115

Vorkommen

fal

fall

fäll

fall

fäll

fall

fäll

fall

falländ

falli

fälli

fallti

falu

feeli

fehl

fel (Fall)

fele

feli

felinu

fell

felli

fellji

gfalle

gfallt

verfalle

zerfalnen

zfallen