Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Leita

Leita f. ist zu schwdt. Leiti f., wdt. Leita, -ä, -u f. ‘Leitung; Wasserleitung, Wasserrinne; Runse; Waldweg’, mhd. leite ‘Leitung, Führung; Weg, auf dem gefahren wird’ (ID. 3, 1494 f.; URNB 2, 539 ff.; GRICHTING 1998, 127 s. v. leite, leitn (Lötschental), leitu ‘lenken, führen’, 237 s. v. Wasserleita, Wasserleitä (Goms), Wasserleitu ‘Wasserrinne’) zu stellen. Von den über 400 Belegen enthalten mit wenigen Ausnahmen alle den Typ Wasserleita (ID. 3, 1496; GRICHTING 1998, 237). Es handelt sich dabei um künstliche Bewässerungskanäle, die unter den Namen Suon für das Wallis bekannt geworden sind (cf. BELLWALD / WÜRTH 2006). In den historischen Belegen wird statt Wasserleita häufig das lateinische aquaeductus ‘Wasserleitung’ gebraucht; nicht immer ist dann klar, ob es sich um einen Flurnamen oder um ein blosses Appellativ handelt. Im westlichen Bezirk Leuk kommt hinzu, dass nicht sicher ist, ob und wenn ja, ab wann ein Name deutsch verwendet wird. Ein Beispiel für die Komplexität zeigt etwa ein Beleg von 1328 aus Turtmann: supra nouum aqueductum de la tortemagny – also ‘über der neuen Wasserleitung aus der Turtmänna’. 1616 steht für die vermutlich gleiche Wasserleitung nur Niwen, also ‘die Neue (Wasserleitung)’. Es ist davon auszugehen, dass letzteres der deutsche Name ist, während der erste Beleg wahrscheinlich nur als Appellativ zu verstehen ist.

Das Simplex im Singular steht als Wasserleita (FLNK, Saas Fee), t Wasserleita (Ausserberg), zer Wasserleite (Bellwald, Fieschertal), uf der Wasserleite (Binn), unner der Wasserleite (Binn) und in einigen historischen Belegen, darunter z Wasserleitten ‘bei der Wasserleitung’ (1620 u. später, St. Niklaus). Die Präpositionen zeigen an, dass es sich um Fluren bei und um die Wasserleiten herum handelt. Die Form Wasserleitu ist in uf der Wasserleitu (Stalden), zer Wasserleitu (Randa) belegt. zer Wasserleitung ‘bei der Wasserleitung’ findet sich in Ferden, wo aber 1665 zúr Wasserleúten steht, also nicht die heutige /-UNG/-Form. Noch seltsamer ist am gleichen Ort die Wasserleúten Súon (1665, Ferden), wo offenbar Suon (die Bezeichnung in Teilen von Westlich-Raron) als Name für eine Wasserleitung aufgefasst wird. Wohl ein Verschreiber liegt vor in Thwasserletta ‘die Wasserleitung’(1573, Ausserbinn), die als villagium ‘kleine Siedlung’ bezeichnet wird.

Ein Plural ist in t Wasserleite ‘die Wasserleitungen’ (Niedergesteln) belegt, wobei eine heute nicht mehr bewohnte Kleinsiedlung gemeint ist. In Raron ist unner de Wasserleitu ‘unter den Wasserleitungen’ belegt. Historisch sind auff den Wasserleiten (1741, Guttet), zwischen den Wasserleiten (1753, Fiesch) und an den Wasserleÿtton (1478, Mund) bezeugt, auch hier wieder mit Fluren bei Wasserleitungen.

Das Diminutiv ist im Singular nur in zum Wasserleitji ‘bei der kleinen Wasserleitung’ (Hohtenn) vertreten.

Attributive Adjektive zum HL können hier wegen ihrer Anzahl nur als Typen behandelt werden: uf der Altu Wasserleitu ‘auf der alten Wasserleitung’ (Stalden). Fast alle dieser rund zehn Belege heissen entweder Aalti (FLNK, Ergisch) oder sind lateinisch als subtus antiquum aqueductum ‘unter der alten Wasserleitung’ (1400, Termen) oder de aqueductu ueteri ‘(das Wasser) der alten Wasserleitung’ (1322, Unterems; 1825 die Alten) belegt. Nur eines ist ein Diminutiv ts Alt Wasserleitji ‘die alte kleine Wasserleitung’ (Visperterminen). Auch der Typ dy Gemeynun Wasserleytun ‘die Wasserleitung, die der Gemeinde gehört’ (1351, Törbel) kommt in den neun Belegen meistens lateinisch als communem aqueductum ‘die Wasserleitung, die der Gemeinde gehört’ (1488, Kippel) oder ähnlich vor. di Grossi Wasserleitu ‘die grosse Wasserleitung’ (Hohtenn, Salgesch) ist auch als sub magno aquaductu ‘unter der grossen Wasserleitung’ (1540, Ernen) und die Gross Wasserleÿtta ‘die grosse Wasserleitung’ (1570, St. Niklaus) historisch belegt. die Höchen Wasserleitten ‘die hohen Wasserleitungen’ (1695, Zermatt) kommt ähnlich auch in Gluringen in Reckingen vor. das Klein Wasserleittlin ‘die kleine Wasserleitung’ (1575, Steg) findet sich nur einmal. die Mitleste Wasserleiten ‘die mittlere Wasserleitung’ (1691, Guttet) und der Mittlen Wasserleyten ‘(das Wasser aus) der mittleren Wasserleite’ (1553 u. später, Visperterminen) ist neben andern auch lateinisch als subtus aqueductum medium ‘unter der mittleren Wasserleitung’ (1279, Glis) belegt. Ein seltsames Durcheinander findet sich als Mittla Suon ‘die mittlere Wasserleitung’ (LT, Ausserberg), wo die historischen Belege medius … aqueductus ‘die mittlere Wasserleitung’ (1483 u. später, Ausserberg) haben. t Niiwi Wasserleitu ‘die neue Wasserleitung’ (Varen) ist nur lebend belegt. In Leuk kommt Niiwi Wasserleitu (FLNK, Leuk) lebend vor, wozu aber der historische Beleg aqua’ductum noua ‘der neuen Wasserleitung’ (1530, Leuk) zu stellen ist. In Biel ist 1643 ein lateinischer Beleg zu sehen, 1733 ist aber ob der Niwen Wasserleiten ‘oberhalb der neuen Wasserleitung’ bezeugt. Von den rund zehn Belegen sind mehr als die Hälfte nur lateinisch überliefert. Ähnliches gilt für Ober Wasserleite ‘die obere Wasserleitung’ (FLNK, Biel) und t Oberu Wasserleitu ‘die obere Wasserleitung’ (Saas Almagell), das meist lateinisch als ab aqeductu superiori ‘von der oberen Wasserleitung’ (1322, Guttet) oder ähnlich belegt ist. Ein Diminutiv findet sich in ts Ober Wasserleitji ‘die obere kleine Wasserleitung’ (Gampel, Visperterminen). die Oberste Wasserleiten ‘die oberste Wasserleitung’ (1810, Feschel und Guttet) ist schon 1322 lateinisch für Guttet belegt. Zweimal kommt die Bess Wasserleÿtten ‘die böse Wasserleitung’ (1569 u. später, Visperterminen), resp. die Bösschwasserleiten ‘die böse Wasserleitung’ (1550, Naters) vor. Nicht ganz klar ist die Rechtun Waszerleỳtun ‘die rechte Wasserleitung’ (1334, Törbel), aber der Kontext gibt darüber keine Auskunft. Der Typ t Unneru Wasserleitu ‘die untere Wasserleitung’ (Saas Almagell) tritt lateinisch als subtus inferiori aqueductu (1548, Törbel, aber auch deutsch als bey der Untern Wasserleiten ‘bei der unteren Wasserleitung’ (1896 u. später, Feschel) oder gar nur als die Undren ‘die untere (Wasserleitung)’ (1743, Ausserberg) auf. Auch hier gibt es zwei Diminutive ts Unner Wasserleitji ‘die untere kleine Wasserleitung’ (Gampel, Visperterminen).

Vorangestellte Genitive sind: der Glawigen Wasserleiten ‘die Wasserleitung der Familie Clavien’ (1722, Leuk), vff Grubers Wasserleÿtta ‘auf der Wasserleitung der Familie Gruber’ (1604 u. später, Visperterminen), Grunderro Wasserleiton ‘die Wasserleitung der Leute vom Grund (vermutlich Grund im Gantertal)’ (1400, Termen), Kalpetraner Wasserleita ‘die Wasserleitung der Leute von Kalpetran’ (FLNK, Embd), Kromisch Wasserleitten ‘die Wasserleitung des Kromi / beim Kromji (kleines eingezäuntes Stück Wiese)’ (1634, Naters), Laudunerro Wasserleyta ‘die Wasserleitung der Leute von Lalden’ (1312, Lalden; früher und später andere Bezeichnungen), aqueductum Laggero ‘die Wasserleitung der Leute von Lax’ (1487, Lax), aqua’ductum vocatum … Leiggero ‘die Wasserleitung, die man jene der Leute von Leuk nennt’ (1746, Leuk), t Lüegjerruwasserleitu ‘die Wasserleitung, die an der Lüogju (Aussichtsstelle) vorbeiführt’ (Niedergesteln), die Martisberger Wasserleütten ‘die Wasserleitung von / nach Martisberg’ (1683, Martisberg), aqueductum petri ‘bei der Wasserleitung des Peter’ (1579, Salgesch), Boͤtsch Wasserleytaz ‘die Wasserleitung des Peter (PN)’ (1551, Zermatt), ts Brunnjisch Wasserleitu ‘die Wasserleitung der kleinen Quelle / des kleinen Brunnen (unklar)’ (Saas Almagel), wo auch eine umgangssprachliche Form des FaN Brunner vorliegen kann, aqueductus Rodani ‘die Wasserleitung vom / zum Rotten’ (1320, Leuk), Sewero Wasserleytun ‘die Wasserleitung der Familie Sewer’ (1448, Zermatt), t Stägerru Wasserleitu ‘die Wasserleitung der Leute von Steg’ (Niedergesteln), aqueductum Dale ‘die Wasserleitung aus der Dala’ (1534, Salgesch) (Dale [eig. Dalae] ist ein Genitiv zu Dala), die Deischerwasserleita ‘die Wasserleitung nach Deisch (Mist)’ (Grengiols), Zupgiss aqueductum ‘die Wasserleitung von der kleinen Wasserfassung her’ (1584, Reckingen; 15?? des Zugbis Wasserleiten), t Ärgischerwasserleitu ‘die Wasserleitung für das Territorium Ergisch, von der “Turtmänna” her’ (FLNK, Ergisch). Ein Teil der /-ER/- Ableitungen lassen sich auch als Adjektive lesen. Die meisten betreffen Eigentümer oder Nutzer, einige wenige nahe gelegene Fluren.

Die Zahl der mehrgliedrigen Komposita mit dem Typ Wasserleita ist sehr hoch. Mehrfach belegt ist vor allem Hauptwasserleita ‘die wichtigste Wasserleitung’, das in dieser und anderen Formen rund zehn Mal, allerdings nur historisch belegt ist, u. a. in Betten, Eggerberg, Fieschertal, Geschinen, Gluringen, Münster, Niederwald und Reckingen, also im Goms und in Östlich-Raron. Es ist unklar, ob hier wirklich ein Name vorliegt, oder einfach die wichtigste Wasserleitung gemeint ist. Die meisten anderen Konstruktionen geben den Ausgangsoder Zielort der Wasserleitung an, manchmal auch eine Flur, an der die Wasserleitung vorbeiführt. Für die Einzelbelege sei auf die entsprechenden HLL verwiesen.

Auch komplexere Fälle sind zahlreich. So gibt es z. B. dÿ Obre Bietzwasserleitta ‘die obere Bietschwasserleitung’ (1420, Ausserberg), in inferiori aqueductu Grencharro ‘in der unteren Wasserleitung der Leute von Grächen’ (1388, Grächen), die Grosacherwasserleiten ‘die Wasserleitung vom / zum Grossen Acker’ (1666, Eyholz), t Chüonubodowasserleita ‘die Wasserleitung vom / zum Boden der Familie Kuonen’ (Glis) und viele andere mehr. Seltsam ist di Biwässrigswasserleita ‘die Bewässerungswasserleitung (ca. 1950, vom Rotten her)’ (Brigerbad), welche die Funktion der Wasserleitung im Bestimmungswort betont. unter der Riziger Dorfwasserleite ‘unter der Dorfwasserleitung von Ritzingen’ (1857) nennt nicht nur den Ort, sondern auch das Ziel der Wasserleitung. Auf die weiteren Konstruktionen wird aus Platzgründen nicht eingegangen.

Sehr selten ist Wasserleita ein Bestimmungswort-Kompositum. Die Grundwörter sind: Bodu, Suon (sic!) und Wald.

Neben diesem Typ gibt es eine Ableitung Leitig f. ‘Leitung’ auf /-IG/, das dem hdt. /-UNG/ entspricht. Die Belege sind di Truckleitig ‘die Druckleitung (für das Wasser) zum Kraftwerk “Milachru”’ (Turtmann) und t Chlotzjileitig ‘die Leitung beim Chlotzji (unklar)’ (Leuk), t Niiwi Illwasserleitig ‘die neue Wasserleitung aus dem Illbach’ (Leuk).

Unklar ist die Segmentation in ts Leitigufer ‘das Steingeröll mit der Leitung (wohl Leitung der Seilbahn auf das Gibidum?)’ und der Leitiguferschleif ‘der Schleif hinunter zum Leitigufer’ (beide Eyholz). Hier kann sowohl Leitig + Gufer, wie das sonst nicht belegt Leiti + Gufer analysiert werden.

VSNB, Bd. 3, Sp. 81

Vorkommen

leita

leite

leiten

leitgi

leitgji

leiti

leitig

leitji

leitnisch

leitta

leitten

leittlin

leitu

leitung

letta

leytton