Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Egg(a)

Die beiden Lemmata Egga / Eggu f. und Egg n. sind zu schwdt. Egg, Eggen, Eggt m./n. wie nhd. ‘Ecke, vorspringender und einspringender Winkel’ und wdt. Egg n., Egga, Eggu f. ‘Ecke’ zu stellen (ID. 1, 155 ff.; GRICHTING 1998, 64). Im Namenbereich bezeichnet Egg(e) f./n. eine gewisse Gestalt von Bodenerhebung: Gipfel, spitzig vorstehende Anhöhe, vorspringendes Ende eines Hügels; Übergangsstelle eines Bergpfades, Passhöhe; dachähnlicher Ausläufer eines Berges, Bergkante und die darunter sich anlehnende Halde oder das von ihr begrenzte Plateau, langgestreckte Hochebene (ID. 1, 155 ff.), im Walsergebiet meist ‘langgezogene Anhöhe am Berghang’ (ZINSLI 1984, 562). Im Wallis wird nach ZINSLI im Allgemeinen zwischen Eggen f. ‘Höhenzug’ und Eck n. ‘Haus- oder Felsenecke’ unterschieden. Im Lötschental werden jedoch beide Ausdrücke für dieselbe Bodenform benutzt (ZINSLI 1946, 279, Anm. 21). In Komposita mit den beiden Lemmata als Bestimmungswort lassen sie sich jedoch häufig nicht unterscheiden. Deswegen werden sie hier gemeinsam unter dem umschreibenden HL EGG(A) behandelt. Die Lemmata sind sehr häufig; sie kommen in insgesamt rund über 1200 einzelnen Namen vor, sodass hier nur die wichtigsten Bildungen besprochen werden können. In Einzelfällen können Egger, Andereggen, Aufdereggen usw. auch als FaN auftreten (AWWB 10). Lautlich ist der Anlaut ein /e/; das in Varen und Albinen auftretende Äggu ist untypisch; in Albinen ist übrigens auch Egge belegt. Ob es sich hier um ein Lemma mit anderer Bedeutung handelt, bleibt offen. Da die beiden HLL in allen Gemeinden und Bezirken des Oberwallis auftreten, wird auf deren Nennung verzichtet.

Das Simplex ist im Singular Egga / Egge / Eggu f. häufig, das gilt auch für den Plural Egge f.; blosses Egg n. ist dagegen selten. Wie üblich gibt es mehrere Diminutive im Singular wie im Plural: Eggi / Eggini, Eggelti / Eggeltini, Eggelti / Eggeltini, Egguti / Eggutini und Eggji / Eggjini.

Bildungen mit Adjektiven sind häufig, so insbesondere verschieden Formen des Typs ‘hohe Ecke’: He Egga, Heehi Eggu, Heeji Eggu, Hochi Egga, Honegga, Honeggu usw., dann sind Alt Egga, Blaw Egga, Breit Egg, Brün Egga, Dirri Egga, Fälwig Egg, Graawu Egge, Grien Egga, Gross Egga, Hibsch Eg, Hinner Egga, Khaari Egga, Längi Eggu / Läng Egga, Lengi Eg Egga, Läz Egga, Leid Egga, Nider Egga, Ober Egg und Ober Egga, Plutti Eggu, Scheen Egga, Schmal Egga, Spitz Egga, Undru Egge, Üsser Egga, Waarmi Eggu, Wiiss Egga weitere Beispiele für adjektivische Bildungen. Partizipien als Attribute sind selten: Betrognyegga, Hangend Egge, Stotzund Eggi, Verbrannd Egg sind Beispiele dafür.

Der Übergang zu eigentlichen Komposita mit Egg(a) als Grundwort ist fliessend, ihre Zahl ist sehr gross. Inhaltlich geht es um Bäume und Pflanzen wie in Aarbegga, Ärbisegg, Arveegg, Aspegga, Birchegga, Bruchegga, Burschtegga, Burstegga, Ditschtelegg, Eichegga, Erilegga, Faggsegga, Griffeleggu, Haberegga, Holzegga, Hasileggi, Lärchegga, Massolter Egge, Mälböumegg, Reckholter Egga, Ronig Egga, Schgutzelegga, Sefieggu, Waldegga und andere. Tiere werden genannt in Chalberegga, Fuggsegga, Geisegga, Hasenegga, Hiener Egga, Hirschegge, Khyen Eggi, Schaafeggu, Tieregg, Vogelegga, Wurem Egga. Häufig wird die Egg(a) nach einem in der Nähe liegenden Gebiet benannt. Von den zahlreichen Beispielen sind zu nennen: Reetiegg, Riitiegga, Ritzuegg, Äbinegga, Acheregga, Astaaluegg, Bachegga, Bällegga, Bifigegga, Blaasegga, Brandegga, Briischegga, Brunneggu, Brunnigegga, Burgegga, Chapfeggu, Chinegga, Chrizegga, Eiegga, Eischoleggi, Eischtegga, Färdanegga, Fleschegga, Fruttegg, Gandegga, Gibelegga, Goorbegga, Guferegga, Haauteg, Holöwwiegge, Leenegge, Lochegga, Loibegga, Lüegileggi, Massegga, Miliegga, Mosegge, Räift Egga, Rakart Egga, Riebe Egga, Ritzegge, Sattelegga, Schäärtegge, Schiltegga, Schopfegge, Sitegga, Spiicheregga, Stadilegga, Steinegga, Strubelegga, Tosseggu, Tschafileggu, Tufetschegga, Weritzegga, Wiilär Egga, Wohlfartegga und viele andere.

Besitzer- oder Nutzernamen stellen eine weitere Gruppe dar: Bärgersch Egga, Bärisegga, Bätzig Egga, Bertschis Egga, Boners Eggen, Bümasch Eggu, Chaschpersch Eggu, Eischler Egge, Engillers Eggu, Gantersch Egg, Giischigsch Eggi, Guggersch Egga, Haubtmans Eggen, Holzi Eggini, Hosenigo Egga, Hüetereggu, Jaagischegga, Jergien Egga, Jooschtegga, Karleegga, Laubers Egga, Lehmanns Egge, Maartischegga, Meschlers Egga, Millereggi, Mörisch Eggelti, Osgisch Egg, Pfaffeegge, Schoenigs Egge, Stockalper Egga, Stoelis Egge, Thoenis Egge, Truffisch Egg und andere; manche weisen Genitive des Bestimmungswortes auf oder sind Genitivattribute.

Die Bodenbeschaffenheit spielt eine Rolle bei Gandegga, Guferegga, Häärdegge, Leimegga, Sandegga, Kinegga / Chinegga, Risegga, Schrattegge, Steinegga usw.

Dass Ecken auch als Aussichtspunkte gelten, zeigen Bildungen wie Gaffeggu (Wiler), Guggiegga (Bürchen), Lüegel Egge (Ried-Brig); in einem Fall, dem Jüzeggilti ‘kleine Ecke, wo man jauchzen kann’ (Visperterminen), wird nicht nur geschaut, sondern auch gejauchzt.

Eine ganze Reihe weitere Bildungen ist schwer zu deuten oder gibt Probleme bei der Namenmotivation auf: Abundbrodeggilti ‘die kleine Ecke, bei der man das Abendbrot nahm’ (Visperterminen) ist nur auf Grund einer Angabe einer Gwp. so zu deuten. Die Alpe Ruspecca, später auch Ruschpegga (Visperterminen), ev. auch Rispegg (Visp) und Riischpeggi (Grengiols) ist gut belegt, aber nicht zu deuten. Auch Schatzegga (Ried-Brig) ist unklar, genau so wie Schöibeggi (Ergisch) und Schöübuneggi (Unterems), Seilegga (Raron) und Seileggu (Niedergesteln), um nur einige zu nennen.

Mehrgliedrige Bildungen mit Egg(a) als Grundwort sind belegt wie Heimifliäeggu ‘die Ecke bei der Fluh mit Heimine (Guter Heinrich)’ (Gampel) (zu: CHENOPOIUM BONUS-HENRICUS (LAUBER / WAGNER / GYGAX 52014, 594)), Schreeteralpjieggu ‘die Ecke bei der kleinen Alpe der Familie Schröter’ (Eischoll) oder t Schindelschluächtegga ‘die Ecke bei der Schindelschluächt’ (Blatten). Auch hier gibt es Bildungen mit adjektivischem Attribut wie Chlei Löübegg ‘die kleine Ecke unterhalb der Laubegg’ (Geschinen), Foodri Heeji Eggu ‘vordere hohe Ecke’ (Steg), Hinner Windegge ‘die hintere Ecke, wo es windet’ (Obergesteln) usw.

Als Bestimmungswort tritt Egg(a) deutlich seltener auf, mehrfach Eggacher, Eggassen, Eggebieu, Eggeltiwasser, Eggenhüs, Eggenschiir, Eggfirn, Eggflüo, Eggibode, Eggiltigrabo, Eggimattu, Eggitoli, Eggstadol, Eggstafol, Eggstock Egguturna, Egguwald, Egguweidä und Eggwäg. Die Formen mit Eggen wie Eggenächer, Eggenhüs, Eggenschir sind schreibsprachlich beeinflusst. Bekannt ist schliesslich das Eggischhore ‘Eggishorn’; gemeint ist damit der Gipfel, der das Eggi (kleine Ecke) krönt; der Genitiv Eggisch wird hier als Bestimmungswort gebraucht.

Eine produktive Ableitung ist Egger, das entweder die Herkunft oder Zugehörigkeit zu einem Ort namens Egg(a) meint oder ein FaN ist. Auch Personen aus Zeneggen oder Eggerberg (beides Gemeindenamen) können gemeint sein, letztere auch Eggerberger oder Eggerbergerro (beide Genitiv Plural) genannt. Zu diesen Bildungen gehören etwa die Komposita Eggerbode, Egger, Chilchwäg, Eggeren Sentum, Egger Geschnitt, Eggergrabe, Eggerguet, Eggerhore, Eggerhüs, Eggerkapälli, Eggerlische, Eggerofe, Eggerstafel usw. Konstruktionen mit dem Genitiv sind Eggerschchi, Eggerschwäg, Eggers Flüe. Komplexer ist Eggersch Bildtanna ‘die Bildtanne (Tanne mit Heiligenbild) der Familie Egger’ (Birgisch).

Zwei weitere Ableitungen sind Eggerra und Eggeri; beide bezeichnen Wasserleiten, die von, vorbei an oder zu einer Egg(a) führen. Komplexer ist Eggerischepfi ‘Anschlussstelle (Schöpfstelle) der Wasserleite nach Eggen’ (Eggerberg). Als komplexester Name kann Brüof Eggerbärgero Chilchuwäg ‘hinauf am Kirchenweg der Eggerberger’ (Eggerberg) gelten, das wohl zu aber-ûf (ID. 1, 120) zu stellen ist. Aber auch sonst sind Ableitungen mit Egg(a) als Grundwort des Bestimmungswortes aufzufinden: Brunegggletscher, Brunegghoru, Bruneggjoch, Bruneggbach z. B. bilden ein Namennest zur (nicht belegten) Brunegga in Oberems.

Einen Sonderfall stellt ein ganzes Namennest von Driiegg ‘Dreieck’ (Fieschertal) dar, wo es die Driieggherner ‘die Gipfel im Bereich des Dreieckhorns’ gibt, dazu das Erste, Zweite, Dritte und Vierte Dreieck, das Dreieckhorn und das kleine Dreieckhorn – alle am Grossen Aletschgletscher südlich des Konkordiaplatzes. Dreieck bezieht sich hier auf die Form der Gipfel.

VSNB, Bd. 2, Sp. 43

Vorkommen

äggu

ecca

ecen

eck

ecken

eckerra

eg

ega

ege

egelti

eger (Egga)

egg

egga

eggä

egga

eggä

egga

eggä

egga

eggä

egga

eggäri

eggärin

egge

eggelti

eggeltini

eggen

egger

eggera

eggeren

eggeri

eggern

eggerri

eggers

eggersch

eggi

eggilti

eggiltin

eggiltini

eggine

egginer

eggini

eggisch

eggji

eggli

eggsch

eggu

eggulti

eggultini

eggun

egguru

egguti

eggutini

egilti

egja

egten

egu

eguti

egutini