Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Balma

Als Grundwort ist Balma im Wdt. feminin, als Bestimmungswort häufig endungslos. Lautlich gesehen kann Balm zu Bale(m) werden; Bale-Formen sind nicht zum HL BALL zu stellen. Grundlage ist schwdt. Balm, wdt. Balma, Balmä (Goms), Palma (Zermatt), Balmu f. ‘Felsenhöhle, stark überhängender Fels, der Schutz und Obdach bietet’, auch ‘felsiger Hügel’, daraus abgeleitet das Partizip gebalmet ‘mit einer Balm versehen oder wie eine solche geformt’ (ID. 4, 1215 f., 1216; GRICHTING 1998, 32), hier als balmuchtu oder balmugu. Das Wort ist vorgermanisch und erscheint in den frpr. Patois auch als Barma. Im Oberwallis ist auch Bauma belegt, in den /l/-vokalisierenden Gemeinden des unteren Goms. Neben dem Singular wird auch der Plural (Balme) verwendet. Als Diminutiv erscheint Balmilti. Der Name wird als Simplex, häufig mit Adjektiven, als Grundwort und als Bestimmungswort verwendet. Einige Fälle mit Balmer, ze Balmere oder Ballmisch ‘des Balmis/Balmers’, aber auch der Typ Balenmatte sind wohl Herkunfts- oder Familiennamen, besonders dann, wenn die benannten Fluren im Talboden liegen; im Personenregister zu STOCKALPERs HRSB ist Balmer als FaN erwähnt. In einigen Fällen führen die Befragten die Namen auf Palma ‘Palme’ zurück, die Benennung von Pflanzen, die u. a. am Palmsonntag Verwendung finden, etwa Wacholder (JUNIPERUS COMMUNIS) (MARZELL 2, 1087; LAUBER / WAGNER / GYGAX 52014, 92) und Stechpalme (ILEX AQUIFOLIUM; LAUBER / WAGNER / GYGAX 52014, 948). Insgesamt sind etwa 290 Flurnamen mit dem HL belegt, von denen im Folgenden nur ein Teil behandelt wird.

Neben den Simplizia ist das HL zunächst mit Adjektiven versehen, wie in Chaltu Balme ‘die kalten überhängenden Felsen’ (EK, Mund; historisch auch in Naters 1531 zer Kalten Balmun, unklar, ob gleicher Ort gemeint ist), di Gufrig Balma ‘der überhängende Fels mit Steingeröll unterhalb’ (Randa), mid der Hibschu Balmu ‘beim schönen überhängenden Felsen’ (Simplon; JORDAN 2006, 151 und 158 hat zwei Belege zu Hipschi Balma, von denen hier nur S. 158 gemeint ist), mehrfach t Läng und t Leng Ballma ‘der lange überhängende Felsen’ (St. Niklaus und weitere fünf Gemeinden), t Mittlescht Bauma ‘der mittlere Stafel auf der Alpe Balma’ (Binn), t Ober Ballma ‘der obere Teil des Gebietes beim überhängenden Felsen’ (Blatten und zwei weitere Gemeinden), t Oberscht Bauma ‘der oberste Stafel auf der Alpe Balma’ (Binn), ze Tropfinu Balmu ‘Gebiet beim überhängenden Felsen, über den Wasser hinuntertropft’ (Saas-Almagell), t Under Balma ‘der untere Teil des Gebietes beim überhängenden Felsen’ (Blatten und fünf weitere Gemeinden) und weitere mehr.

Vorangestellte Genitive sind etwa ts Eschersch Balma ‘das Gut der Familie Escher bei einem überhängenden Felsen’ (Zwischbergen; JORDAN 2006, 356 hat Eschärsch Balma), ts Gattlusch Balmu ‘der überhängende Felsen der Familie Gattlen’ (Hohtenn), ts Martilaggersch Balma ‘der überhängende Fels des Martin Lagger’ (Naters), ts Peetersch Ballma ‘der überhängende Fels Peters / der Familie Peter’ (Simplon; JORDAN 2006, 151 hat Peetärsch Balma, ohne nähere Angaben), ts Pfiifisch Balma ‘der überhängende Fels des Pfeifers / der Familie Pfeiffer / Pfiffer’ (St. Niklaus) und wohl auch das zusammengeschriebene Ärnischbalme ‘der überhängende Fels des Arnold’ (FLNK, Betten). ts Nagulschbalmu ‘die Palmen (Stechpalmen) der Familie Nagel’ (Ried-Mörel, historisch auch Greich, 1681 u. später) weisen auf Pflanzen, nicht auf überhängenden Fels hin.

Bei den zahlreichen Komposita mit dem HL als Grundwort sind zunächst die vielen Belege mit zer Hebalmu ‘zum Gebiet beim hohen, überhängenden Fels’ (Zermatt) und t Hobalma ‘das Gebiet um den höhen überhängenden Felsen’ (Törbel und 6 weitere Gemeinden mit teilweise erweiterten Komposita) zu erwähnen, bei denen ein Adjektiv mit dem Grundwort verbunden wird. Andere Adjektive sind ebenfalls belegt.

Ein weiterer Typ enthält als Bestimmungswörter Tiernamen, wie t Eschelbalma ‘der überhängende Felsen für die Eseal / der wie ein Esel aussieht’ (FLNK, Zermatt und drei weitere Gemeinden), t Fuggsbalma ‘der überhängende Felsen der Familie Fux / wo es Füchse hatte’ (Täsch und zwei weitere Gemeinden), di Geisbalma ‘der überhängende Fels für die Ziegen’ (Kippel und sieben weitere Gemeinden, teilweise mit Erweiterungen), t Küebalmu ‘der überhängende Fels für die Kühe’ (Inden), t Murumbalma ‘der überhängende Fels für die Murmeltiere’ (Randa, auch FLNK), di Bockbalma ‘der überhängende Fels für die (Ziegen-)Böcke’ (Randa), Bärubalma ‘der überhängende Fels für Bären / der einem Bär gleicht’ (FLNK, St. Niklaus), t Rinnerbalma ‘der überhängende Fels für die Rinder’ (Randa, auch Grächen), t Schaafbalma ‘das Gebiet beim überhängenden Felsen für die Schafe’ (Eisten), t Schwiiballma ‘der überhängende Felsen für die Schweine’ (Simplon und vier weitere Gemeinden; bei JORDAN 2006 fehlt der Beleg), Wolfsbalm ‘der überhängende Felsen für den Wolf / der dem Wolf gleicht’ (SK, Zermatt). Gemeint sind wohl meist Tiere, die unter der Balm Schutz finden.

Pflanzennamen erscheinen seltener als Bestimmungswörter: an dyen Heyminon Balmon ‘an den überhängenden Felsen mit Gutem Heinrich (Pflanze)’ (1443, Zermatt; ähnlich 1697 Eisten). t Hewwbalma ‘der überhängende Felsen, unter dem Heu gelagert wird’ (Simplon; JORDAN 2006 hat drei Belege für den Namen (S. 207, 212, 216 s. v. Balma), wobei wohl der Name auf S. 212 dem in der Datenbank entspricht), di Blackerbalma ‘der überhängende Fels, bei dem Blacken wachsen’ (Saas-Almagell, auch FLNK), Blacken sind bei LAUBER / WAGNER / GYGAX (52014, 688 und 690) als RUMEX ALPINUS und RUMEX OBTUSIFOLIUS belegt, di Dischtulballma ‘der überhängende Fels, wo es Disteln hat’ (St. Niklaus). In mindestens zwei Fällen ist zwar ein Pflanzenname erwähnt, gemeint ist aber ein nahegelegener Weiler, dessen Name erscheint: Ahorn Balmeltin ‘der kleine überhängende Fels beim Weiler Ahorn’ (1550, Naters), während der zweite Beleg Hasubalmu (Naters) trotz der historischen Belege Hasenbalmen (1784 u. später) nicht zu den Hasen, sondern zum Flurnamen Hasul (Weiler von Naters oberhalb Blatten) zu stellen ist.

Von den zahlreichen übrigen zweigliedrigen und mehrgliedrigen Komposita mit dem HL als Grundwort werden hier keine erwähnt; sie sind aber unter dem Bestimmungswort zu finden.

Einige mehrgliedrige Komposita enthalten als Grundwort nicht Balma, sondern ein anderes Grundwort: t Hobalmuäbi ‘der Abhang beim Gebiet der Hobalma (des hohen überhängenden Felsen)’ (Randa), der Hobalmwald ‘der Wald beim hohen überhängenden Felsen’ (Täsch, auch FLNK), ts Hobalmwasser ‘die Wasserleitung zum Gebiet Hobalma (hoher überhängender Fels)’ (Randa), der Hobalugletscher ‘der Gletscher mit dem hohen überhängenden Felsen (?)’ (Saas-Fee, LT Hohbalmgletscher, FLNK Hobalmgletscher, SK Hohbalengletscher), dr Schwarz Balmuntritt ‘der Tritt beim schwarzen überhängenden Felsen’ (Ferden). Ein eigentliches Namennest ist in Hohtenn zu finden, wo zu t Stärchbalmu auch die Sterchbalmen Eggen ‘die Ecke beim Gebiet Stärchbalmu (starker überhängender Fels)’ (1859–1872, Hohtenn), der Stärchbalmuhubil ‘der Hügel im Gebiet der Stärchbalmu (starker überhängender Fels)’, der Stärchbalumbrunnu ‘die Quelle / der Brunnen im Gebiet der Stärchbalmu (starker überhängender Fels)’ und ts Stärchbalmuschlüüchji ‘das Gebiet der kleinen Schlucht bei der Stärchbalmu (starker überhängender Fels), belegt sind. Seltsam ist der FLNK-Beleg Triftbalmustollu (Törbel) wo sonst di Trischtbalma (Törbel) belegt ist, ein überhängender Fels, der als Heuschober gebraucht wurde. Es scheint also, dass der FLNK-Name verändert wurde; ob es hier einen Stollen gab, bleibt unklar. Weitere Belege finden sich unter den einschlägigen HLL.

Als Bestimmungswort kommt das HL mit folgenden HLL in zweigliedrigen Komposita vor: Acher, Bach, Biina, Bodu, Brigga, Brunnu, Egg(a), Flüö, Gartu, Gassa, Grabu, Gadu, Hooru, Hüs, Licka, Matta, Ritz, Schiir, Schipfa, See, Stafel, Steg, Stuba, Tritt, Tschugge, Tunnel, Wäg, Wald und Züü.

Komplexere Konstruktionen sind etwa in Pallen Math=Achren ‘die Äcker im Gebiet der Wiese bei den überhängenden Felsen’ (1803, Ernen), Balmfluh Alp ‘die Alpe beim Felsen, der überhängt’ (SK, Zwischbergen; auf späterer Karte nur Balma).

Ein Genitiv Plural liegt in Balmerro vor, das in den meisten Fällen wohl ‘die Leute von Saas-Balen’ meint und einfacher auch als Balmer erscheinen kann. In Saas-Balen sind solche Formen belegt: z Balenhaus ‘zum Haus im Gebiet Balen (Balm)’ (1669, Saas-Balen), Balmerbodu ‘der Boden der Leute von Balm (Saas-Balen)’, Balmerro Alpelti ‘die kleine Alp der Leute von Saas-Balen’ (1553, Saas-Balen), in Balmerro Alpen ‘die Alp der Leute von Saas-Balen’ (1528, Saas-Balen), montem Balmerro ‘die Alpe (Berg) der Leute von Balm (Saas-Balen)’ (1527, Saas-Balen), Balmerro Huͦba ‘die Hube der Leute von Balm (Saas-Balen)’ (1390, Saas-Balen), in quarterio Balmerro ‘der Viertel der Leute von Balm (Saas-Balen)’ (1509 u. später, Saas-Balen). Weiter sind aber auch ausserhalb von Saas Balen solche Flurnamen belegt: zu Ballmeru ‘der Weiler ze Ballmeru (bei den Leuten von Balma / bei der Familie Balmer)’ (Agarn) und dazu gehörig ts Balmerugässi ‘die kleine Gasse zum Weiler der Familie Balmer’ (Agarn), ze Ballmeru ‘zu den Leuten von Balma / der Familie Balmer’ (Turtmann), laut Beschreibung Dorfteil nördlich der Landstrasse, und dazu gehörend di Ballmerustrass ‘die Dorfstrasse in Ze Ballmeru (bei der Familie Balmer / bei den Leuten von Balma) (Turtmann) und historisch von 1786 in Turtmann jn der Balmermatten ‘in der Wiese der Familie Balmer / der Leute bei der Balma’. In allen Fällen findet sich der Name in der Ebene des Rottens. Ob der FaN Balmer jedoch tatsächlich bekannt war (AWWB 21) ist unklar. Ebenso unklar ist der Beleg in Balmero Waldgi ‘im kleinen Wald der Leute von Balm / der Familie Balmer’ (1604, Unterbäch) und in der Balmerú ‘im Weiler der Leute von Balma / der Familie Balmer’ (1795, Oberems). Ebenfalls unsicher ist im Ballmersch Hoof ‘im Hof der Familie Balmer’ (1855, Turtmann) mit einem Genitiv, der eventuell zum vorstehenden ze Ballmeru gestellt werden kann.

Ein Adjektiv ist in zum Balmuchtu Hiischi ‘zum kleinen Haus unter dem überhängenden Felsen’ (Täsch) belegt.

Eine Ableitung auf /-ERI/ ist für eine Schlucht als t Heubaumeri ‘die Rinne im Gebiet eines überhängenden Felsens, der zum Aufbewahren des Heus diente’ (Gluringen, mit /l/-Vokalisierung) auch LT und FLNK Hewbalmeri) bezeugt.

VSNB, Bd. 1, Sp. 151

Vorkommen

bahlmen

bal

bala

bale (Balma)

balem

balen

ballma

ballme

ballmer

ballmeru

ballmi

ballmilti

ballmu

balm

balma

balmä

balma

balme

balmeltin

balmen

balmer

balmero

balmerro

balmersch

balmeru

balmi

balmiltin

balmon

balmu

balmuchtu

balmugu

balmun

balu

balum

balun

bauma

baume

baumeri

pallma

palme