Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Graat

Graat m. ist zu schwdt. Grāt, wdt. Graat, Dim. Greetji, Pl. Gräät, Greet ‘länglicher, schmaler Bergrücken; der Höhenbereich im Bergland’, mhd. grāt ‘Fischgräte, Rückgrat, Bergrücken’ (ID. 2, 820 f.; ZINSLI 1945, 321; BENB 1, 2, 100 f.; URNB 2, 43 f.; GRICHTING 1998, 96) zu stellen. Es wird als Ableitung zum Adj. schwdt. grad, wdt. ggrad, ggärad, mhd. gerat, -de ‘gerade’ im Gegensatz zu krumm (ID. 4, 497; RN 2, 415; BENB 1, 2, 94; GRICHTING 1998, 91) verstanden. Das HL kommt in rund 230 Namen vor; teilweise geht es wohl auf den Alpinismus zurück.

Das HL ist als Simplex der Graad (Geschinen, Naters, Ried-Brig, Ritzingen, St. Niklaus), ufem Graad (Ferden), an den Grad (1681, Blitzingen), in den Grad (1542, Biel), Grat (FLNK, LT Bürchen; FLNK, Lax; FLNK, St. Niklaus; FLNK, Bürchen) belegt. Das Simplex meint einen auffälligen Felsrücken, der im Allgemeinen zu einem Gipfel führt. Plurale des Simplex sind nicht bekannt.

Diminutive finden sich im Singular als ts Gräätgi (Fieschertal) und ts Greetji (Törbel; FLNK, Unterbäch). Belege mit Graagi sind unter dem HL GRAAG aufgezählt. Ein Plural fehlt.

Mit attributiven Adjektiven oder Partizipien kommen vor: ts Inner Graatgi ‘der innere kleine Grat’ (Naters), ts Chlei Greetji ‘der kleine Grat (beim Ginalshorn)’ (Ergisch), der Lägund Graad ‘der leicht ansteigende Grat’ (Baltschieder, Eisten, Mund), auf dem Mittlern Graetli ‘auf dem mittleren kleinen Grat’ (1896, Geschinen), dr Ober Graad ‘der obere Grat (Faldumgrat)’ (Ferden), der Bellgisch Graad ‘der Belgische Grat (benannt nach dem Erstbesteiger, König Albert I. von Belgien)’ (Simplon), der Rot Graad ‘der rote Grat (Felsgrat beim Triftjigletscher)’ (Zermatt), der Rot Graad ‘der rote Grat (Grat am Alphubel, LT und FLNK Rotgrat, SK Rothengrat)’ (Täsch), ts (e)Rot Greetji ‘der kleine rote Grat (bei den Leiterspitzen)’ (Randa), der Schwarz Graad ‘der schwarze (Farbe des Gesteins) Grat’ (Randa), der Schwarz Graad ‘der schwarze Grat (zwischen Spitzi Flue und Fluehorn)’ (Zermatt), dr Under Graad ‘der untere Grat (Faldumgrat)’ (Ferden), der Wiiss Graad ‘der weisse Grat (zwischen Turtmannspitze und Burgihorn (beides Gipfelnamen))’ (Oberems, auch ein weisser Grat bei der Bella Tola), der Wiiss Graad ‘der weisse (Fels-)Grat’ (Zermatt), der Wiiss Graad ‘der weisse (Fels-)Grat beim Ochsehorn (2912 m)’ (Staldenried) und t Wiissu Greet ‘die weissen (Fels-)Gräte’ (Täsch).

Selten sind vorangestellte Genitive: Nägelisch Graad ‘der Grat mit Nelken / der Familie Nägeli’ (Ernen), ts Nägelisch Gräätli ‘der kleine Grat der Familie Nägeli / mit Nelken’ (Oberwald), in Brunnero Gradt ‘der Grat der Familie Brunner / der Leute von Brunnen’ (1756, Betten), der Tiifelsgraad ‘der Teufelsgrat (beim Täschhorn)’ (Randa, Täsch) und dr Tiifelsgraad ‘der Teufelsgrat (zwischen Breithorn und Breitlauihorn)’ (Baltschieder, LT Tyfelsgrat, FLNK Tiifilsgrat; Blatten).

Einige Bestimmungswörter auf /-ER/ können ältere Genitiv sein: der Fieschergraad ‘der Grat zum Fiescherhorn’ (Fieschertal), der Goornergraad ‘der Goorner Grat (Grat oberhalb des Goornerli ‘kleine Felsalp‘)’ (Zermatt), ts Hienergreetji ‘der kleine Grat mit (Wald-)Hühnern’ (Unterbäch), Hühnergrat ‘der Grat, wo es Hühner hat (SK, wohl hochdt. Form für Henna)’ (Unterbäch, wohl identisch mit dem Hienergreetji), in den Matter Gradt ‘(unklar) der Grat bei den Wiesen / der Familie Matter’ (1756, Betten), Bättmergrat ‘der Grat beim Bettmerhron (hier östlich)’ (FLNK, Lax), Bettmergrat ‘der Grat beim Bettmerhorn (hier östlich)’ (LT, Fiesch; FLNK Bättmergrat), der Bobmergraad ‘der Bodmergrat, der zum Bodmerhorn oberhalb von Bodme (die Böden) führt’ (FLNK, Simplon, auch bei JORDAN (2006, 108 und 135 als Botmärgraat), Stn. Bettmergrat ‘die Station der Seilbahn auf dem Bettmergrat am Bettmerhorn (hier westlich)’ (LT, Betten), Walchergrat ‘der Walkergrat (unklare Motivation)’ (LT und FLNK, Fieschertal), an den Indren Wÿlergradt ‘der (innere) Wilergrat’ (1654, Kippel).

Sehr gross ist die Zahl der Namen mit dem HL als Grundwort. Die Bestimmungswörter beziehen sich entweder auf einen darüber liegenden Gipfel oder auf ein darunter liegendes Gebiet. So ist Aletschgrat ‘der Grat zum Aletschhorn’ (FLNK, Naters) durch den Gipfelnamen bestimmt, der aber seinerseits wohl auf einen Namen eines Alpgebietes (Aletschi) zurückgeht. dr Aanungraad ‘der Grat oberhalb des Aanugletschers’ (Blatten) bezieht sich direkt auf den Aanugletscher, der seinen Namen aber von der Aana, einem Alpgebiet bezieht. Noch komplexer ist etwa Aargrat ‘der Grat oberhalb des Gebietes der Aare’ (LT, Obergesteln), der seinen Namen wohl von der bernischen Seite mit dem Gebiet der Aare erhalten hat. Im Fall von der Eifischgraad ‘der Grat gegen das Eifischtal (Val d’Anniviers)’ (Oberems) dient der deutsche Name des benachbarten Tales als Namengeber. Bei dr Faldumgraad ‘der Faldumgrat’ (Ferden) dient der Alpname Faldum als Ausgangspunkt. Bei der Feschtigraad ‘der Grat bei der Festi’ (Randa), einem Grat beim Dom (Gipfelname), dient das Gebiet Feschti (Randa) als Namengeber. Ähnlich lassen sich sehr viele der zweigliedrigen Namen deuten.

In einigen Fällen werden romanische Namen als Bestimmungswörter verwendet: der Furmulugraad ‘der Grat oberhalb der Furmulä (Gebiet, das aussieht wie Käseformen)’ (Zwischbergen), der Ggarneeragraad ‘der Grat oberhalb des Gebietes Carnera (Gebiet mit Disteln?)’ (Zwischbergen, FLNK Garneeragrat), der Gorwätschgraad ‘der Gorwätschgrat’ (Leuk, LT Gorwetschgrat, SK Corbetschgrat, FLNK Gorwätschgrat), das vermutlich zu lat. CORVUS ‘Rabe’ und dem pejorativen Suffix /-ACEU/ zu stellen ist, hier wohl als ‘Rabenberg’ zu verstehen.

Anders verhält es sich mit Namen, die eine Eigenschaft des Grates kennzeichnen, etwa die Lage der Mittelgraad ‘der Mittelgrat (zum Nollenhorn)’ (Saas-Almagell), der Nordgraad ‘der im Norden (des Weisshorns) liegende Grat’ (Randa), der Oschtgraad ‘der Ostgrat (des Allalinhorns)’ (Saas-Almagell). die Farbe Schwarzgrat ‘der schwarze Grat’ (LT und FLNK, Inden), Schwarzgrätji ‘der kleine schwarze Grat’ (Leukerbad), Wissgrat ‘der weisse (Fels-)Grat’ (LT u. FLNK, Täsch), oder die Form der Zackugrat ‘der Grat mit (Fels-)Zacken (auch R. GRICHTING 1993, Blatt 16, Nr. 2 u. Blatt 17, Nr. 2)’ (Leukerbad). Nur selten kommt ein FaN vor wie in der Düübigrad ‘der Grat zum Dübihorn (LT)’ (Baltschieder) und ts Düübigreetji ‘der kleine Grat zum Dübihorn’ (Raron), die beide nach DR. HEINRICH ALBERT DÜBI (1848 – 1942) benannt sind, der u. a. das SAC Jahrbuch (1891–1923) herausgegeben hat. Unklar ist dagegen Walchergrat (LT u. FLNK, Fieschertal), ein Grat zum Walcherhorn (Fieschertal), das vermutlich auf einen FaN Walcher oder Walker zurückgeht (und nicht, wie FR. J. HUGI (1830, 108 f.) meint, auf Walliser).

Manche Namen sind schwer deutbar: der Trinugraad ‘der (Fels-)Grat der Triine (PN)’ (Termen) befindet sich auf rund 2630 m beim Saflischpass. Welche Katharina hier gemeint ist, bleibt unklar. Ob der Trolerengrat ‘der Grat, wo man trolen (stürzen) kann / der Grat, wo es Trollblumen hat’ (Ausserberg) sich zu einem Blumennamen stellen lässt, oder doch eher zum darunter liegenden Troolund Grabe ‘der Graben, wo man trolen (stürzen) kann’ (Ausserberg) ist unsicher; näher liegt das Zweite.

Komplexere Formen bilden sich, wenn das Bestimmungswort selbst schon mehrgliedrig ist. Das gilt etwa für Weissmies Nordgrad ‘der Nordgrat des Weissmies (Gipfelname)’ (FLNK, Saas-Grund), der Öugschtbordgrad ‘der Grat oberhalb dem Öugschtbord (Bord (Abhang, Böschung), das erst im August bestossen wurde)’ (Unterbäch), der Öugschtchummegraad ‘der Grat oberhalb der Öugschtchumma (Augustmulde)’ (Grengiols), der Eischolalpgraad ‘der Grat auf der Alpe von Eischoll’ (Eischoll) und andere mehr.

Als Bestimmungswort kommt das HL in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern vor: Acher, Alpa, Äbi, Gassa, Hooru, Pigger, Schleif und Schluocht. Dabei sind vor allem Verbindungen mit Schluocht häufig. Sie sind auch komplexer belegt mit der Graadschliechtgigrabu ‘der Graben bei der kleinen Geländeeinbuchtung vom Grat herunter’ (Zwischbergen; FLNK Gratschliechtgigrabu).

Einen Sonderfall stellt Greetiguteiffi ‘die Tiefe zwischen den Gräten’ (Randa) vor, wo der Plural einer kollektiven Ableitung auf /-IG/ zum HL vorliegt.

VSNB, Bd. 2, Sp. 336

Vorkommen

graad

gräägisch

graat

gräät

gräätgi

graatgi

gräätli

grad

gradt

grat

grät

grat

grätgi

grätji

grätli

greed

greet

greetigu

greetji

greten (Graat)