Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Biina

Biina f. ‘Pflanzland’ ist zu schwdt. Bünt (Pl. Bünte(n)), Pünt (Pl. Pünte(n)) f. Dim. Bündeli, Büntli, Püntli zu stellen, ahd. biunta, biunda, biunt, mhd. biunte, biunde, biunt (ID. 4, 1401 ff. mit ausführlicher Beschreibung). ID. (4, 1321) verzeichnet auch das Stichwort Bǖ1nen mit folgenden Deutungen für das Wallis: ‘eingezäuntes und gedüngtes Stück Land für Korn’, ‘Garten’, ‘Grundacker, Land, welches in der Ebene liegt und mit Karst und Haue bearbeitet wird’. ZINSLI (1946, 314) gibt für Büüne ‘ebenes Ackerfeld’ und für Bünt ‘(ebenes) Grundstück’. Im Wdt. entsteht durch Entrundung und z. T. mit Assimilation -d- > -n- Biina. Die ältesten Belege (1276 stegebundun, 1303 Stegbuynda, 1306 Stegbunda usw. (Raron)), 1301 dvͥ Bvͥnda (Törbel, heute di Biinna) und viele andere haben /nd/. Die ersten Namen vom Typ Bina sind erst etwa im 17. Jahrhundert belegt, sieht man vom Gemeindenamen Binn und den davon abgeleiteten Namen wie Binna oder Binntal ab, die jedoch vermutlich auf eine romanische Grundlage zurückgehen.

Schon die Deutungen des ID. machen klar, dass sich eine einheitliche Bedeutung des HL kaum geben lässt. Generell handelt es sich aber um ebene, leicht bebaubare, häufig als Gärten genutzte, oft eingezäunte und meist im Privateigentum sich befindliche Pflanzplätze. Wir geben deswegen generell die Deutung ‘Pflanzplatz’, auch wenn die Gwpp. manchmal andere Aussagen machen.

Das HL kommt in rund 360 Namen in allen Bezirken vor. Das Simplex erscheint im Singular in verschiedenen Formen wie Biina, Binna, Bina, Binu usw. häufig, ist auch historisch als in der Bünden oder in der Binden belegt. Im Lötschental treten auch Bindä (Blatten, im Plural Kippel) auf. Bine und Varianten davon sind auch im Plural häufig vertreten; nicht immer lässt sich entscheiden, ob ein Singular oder Plural vorliegt. In beiden Fällen können Präpositionen wie in, ze oder bi (bei) auftreten. Historisch sind plurale Belege mit Bünden oder Binden vertreten.

Der Diminutiv Bindelti, Binelti, Binilti und Binuti ist weniger häufig; Bindiltin ist die geschriebene Form. Auch Diminutive können mit Präpositionen konstruiert sein. Isoliert ist das einmal belegte ts Pinnti (Oberems) mit einer Ableitung auf -TI (SDS 3, 156). Plurale sind selten: t Binnultini (Binn) zeigen den Normalfall; der Plural in den Bindlu ‘in den kleinen Pflanzplätzen’ (Niedergesteln) lässt sich als Diminutiv im Plural verstehen, wobei das /d/ hier auch ein Sprosskonsonant sein kann; die historischen Belege verzeichnen allerdings alle einen Typ mit /nd/, aber ohne /l/.

Attributive Adjektive zum HL sind: t Alt Biine ‘der alte Pflanzplatz’ (Ulrichen), die Alten Bÿnden ‘die alten Pflanzplätze’ (1632, Raron), t Änner Binna ‘der jenseits gelegene Pflanzplatz’ (Lax), in dem Kleinen Beindilti ‘im kleinen Pflanzplatz’ (1677, Naters, mit hyperkorrektem /ei/), das Klein Bündilti ‘der kleine Pflanzplatz’ (1542, Mund), Kleinbinda ‘der kleine Pflanzplatz’ (1383, Termen, vorher parua bynda), jn der Endren Binnen ‘im jenseitigen Pflanzplatz’ (1765, Bellwald), t Forder Binna ‘der vordere Pflanzplatz’ (Lax), das Fodre Binnilti ‘der kleine, vordere Pflanzplatz’ (1796, Ried-Brig), Vooder Bina ‘der vordere Pflanzplatz’, die Gmeine Binden ‘der Pflanzplatz, der der Gemeinde gehört’ (1734, Lalden), in der Grossen Bünden ‘im grossen Pflanzplatz’ (1546 u. später, Brigerbad), die Gros Bÿnda ‘der grosse Pflanzplatz’ (1750, Lax), t Hääu Biine ‘der glatte Pflanzplatz’ (Gluringen), in der Hoybüynden ‘im hohen Pflanzplatz’ (1299 u. später, Raron), t Indrun Biindä ‘die inneren Pflanzplätze’ (Kippel), jn den Lengen Binden ‘im langen Pflanzplatz’ (1507 u. später, Steg), t Lengu Biine ‘die langen Pflanzplätze’ (Brigerbad, nur 1507, Niedergesteln: jn den Lengen Bindun), t Linn Bina ‘der weiche Pflanzplatz’ (Binn), in den Mitlesten Bÿnden ‘in den mittelsten Pflanzplätzen’ (1768, Naters), in nouis Bindis ‘in den neuen Pflanzplätzen (lateinisch)’ (1557, Lalden), jn den Nÿdren Bundon ‘in den unteren Pflanzplätzen’ (1522, Steg), jn den Nüwwen Bÿndenn ‘in den neuen Pflanzplätzen’ (1578, Raron und vier weitere Belege mit Varianten), t Ober Biina ‘der obere Pflanzplatz’ (Niederwald und 15 weitere Belege mit Varianten), an der Schalb Binden ‘am schrägen Pflanzplatz’ (1653, St. Niklaus), di Teiffi Biina ‘der tiefe Pflanzplatz’ (Niedergesteln), Uistru Biindä ‘die äusseren (talauswärts liegenden) Pflanzplätze’ (Wiler), t Undru Bine ‘die unteren Pflanzplätze’ (Simplon und 13 weitere Belege mit Varianten) und in der Aúsren Binnen ‘im äusseren Pflanzplatz’ (1749, Niedergesteln), (FLNK, Grächen).

Vorangestellte Genitive von Nutzern oder Besitzern sind selten: in der Belwalder Binen ‘im Pflanzplatz der Leute von Bellwald’ (1824, Bellwald), jn Baergerro Bÿndŭn ‘im Pflanzplatz der Familie Berger’ (1589, Baltschieder), in der Bieliger Binen ‘im Pflanzplatz der Bewohner von Biel’ (1733, Biel), Buydun Sutoris ‘der Pflanzplatz der Familie Suter / des Schusters’ (1302, Mund, nachgestellt wegen Latein), aŭf der Eggern Binna ‘auf dem Pflanzplatz beim Weiler Egga (Ecke) / der Leute von der Egga’ (1817, Grengiols), Krettubiinelti ‘der kleine Pflanzplatz der Familie Crettaz’ (Brigerbad), Gúnttren … Bünden ‘der Pflanzplatz der Familie Guntern’ (1543, Geschinen), Hoferebine ‘der Pflanzplatz der Familie Hofer / der Leute vom Hof’ (Bister), Hügschbiinna ‘der Pflanzplatz der Familie Hug (laut Gwp. Hutter, aber historische Belege haben Hug)’ (Naters). Hunpenbùnda ‘der Pflanzplatz des Hunpen (unsicher)’ (1300–1330, Münster), Kuͦnschun Binda ‘der Pflanzplatz der Familie Kuntschen / des Kuntschi’ (1548, Eyholz), Lötscheren Binnen ‘der Pflanzplatz der Leute von Lötschen’ (1773, Gampel), ts Lükasch Binnelti ‘der kleine Pflanzplatz des Lukas’ (Grengiols), in den Melbaumerbinen ‘in den Pflanzplätzen beim Mehlbaum (Weiler von Naters) / der Leute von Mehlbaum’ (1760, Naters), die Mathien Bine ‘der Pflanzplatz des Matthäus / Matthias’ (1861, Lalden), Meretzen=Biene ‘der Pflanzplatz des Moritz’ (1879, Ulrichen), die Mosserbinna ‘der Pflanzplatz im Moss / der Familie Moser’ (1744, Münster), Nessier=Biene ‘der Pflanzplatz der Familie Nessier’ (1879, Ulrichen), Pfaffen Binen ‘der Pflanzplatz des Pfarrers / der Familie Pfaffen’ (1735, Fiesch), t Riederbiina ‘der Pflanzplatz beim Ried (Weiler von Bellwald) / der Leute vom Ried’ (Bellwald), Riedmatten=Biene ‘der Pflanzplatz der Familie Riedmatten’ (1879, Ulrichen), Rittere Biine ‘der Pflanzplatz der Familie Ritter’ (Bister), die Schitzen Binen ‘der Pflanzplatz der Schützen’ (1817, Steg; Hohtenn; 1768, Lalden), t Schmidi Binna ‘der Pflanzplatz des Schmieds / der Familie Schmid’ (Betten), die Thoma Biene ‘der Pflanzplatz des Thomas / der Familie Thomen’ (1879, Ulrichen), t Tomebiine ‘das Pflanzland des Thomas / der Familie Thomen’ (Reckingen), Toni Bÿne ‘der Pflanzplatz des Anton’ (1860, Glis), Waters Bvͥnda ‘der Pflanzplatz des Water (wohl: Walter)’ (1303, Eyholz), Werligen Bünden ‘der Pflanzplatz der Familie Werlen’ (1543, Geschinen) mit einer kollektiven /-IG/-Ableitung, Zeiterbiine ‘der Pflanzplatz des Gebietes Seit / der Leute von Seit’ (FLNK, Selkingen), an Zenders Binen ‘zum Pflanzplatz der Familie Zehnder’ (1570, Baltschieder). In einigen Fällen ist unklar, ob es sich um einen Genitiv handelt. Die Grenze zwischen Genitiv und Kompositum ist ebenfalls dort fliessend, wo ein FaN oder PN nicht verändert wird, wie in t Geertschbiine ‘der Pflanzplatz der Familie Gertschen’ (Münster), t Chräjigbinna ‘der Pflanzplatz der Familie Kräig’ (Lax) mit einer kollektiven /-IG/-Ableitung, t Millerbiine ‘der Pflanzplatz der Familie Müller’ (Reckingen), Waltherlin Bvͥndeltin ‘der kleine Pflanzplatz des kleinen Walter’ (1305, Lalden) und jn der Wÿller Bÿnden ‘im Pflanzplatz von Wiler / der Leute von Wiler’ (1629, Wiler). In t Fuggsbiine ‘der Pflanzplatz, wo man den Füchsen auflauerte / der Familie Fux’ (Gluringen) ist kaum ein FaN gemeint, sondern der Ort der Fuchsjagd.

Zweigliedrige Komposita mit dem HL als Grundwort enthalten im Bestimmungswort nähere Gebrauchsweisen des Pflanzplatzes wie in der Garten Binden ‘im Pflanzplatz, der als Garten dient’ (1767, Blatten), die Garten Binden ‘der Pflanzplatz, der als Garten dient’ (1743, Raron), di Pfrüendbiinu ‘der Pflanzplatz, dessen Erträge dem Pfründer zu Gute kommen’ (Niedergesteln), t Weizbiine ‘die Pflanzplätze, wo Weizen angebaut wurde’ (Eggerberg; historisch auch Eischoll). Andere Konstruktionen geben die Lage des Pflanzplatzes an wie t Gifibiine ‘der Pflanzplatz oberhalb der Gifi (Spalte)’ (Münster), die Gŭfer Bÿne ‘der Pflanzplatz beim Steingeröll’ (1860, Glis), t Kummubiina ‘der Pflanzplatz bei der Chumma (Mulde)’ (Brigerbad), jn der Mosbvͥndun ‘im Pflanzplatz beim Moos’ (1307, Raron), das mehrfach belegte Stägbiina ‘der Pflanzplatz beim Steg’ (Baltschieder, Bratsch, Lalden, Raron), t Bietschi Biinu ‘der Pflanzplatz am Bietschi (Entwässerungskanal in der Rottenebene’ (Niedergesteln) und andere mehr. Komplexere Konstruktionen sind t Chalchofubiina ‘der Pflanzplatz beim Kalkofen’ (Baltschieder), t Foodri und t Indri Gmeindbinu ‘der vordere und der innere Pflanzplatz, der der Gemeinde gehört’ (Niedergesteln).

Als Bestimmungswort in zweigliedrigen Komposita verbindet sich das HL mit den folgenden Grundwörtern: Acher, Ägerta, Bäärg, Biel, Bodu, Bord, Doore, Dorf, Egg(a), Gartu, Gassa, Haalta, Hitta, Kapälla, Matta, Moos, Schleif, Schluocht, Schiir, Schwelli, Stadel, Stapf, Tola, Tossu, Ture, Viertel, Wäg, Wald, Wasser und das Kompositum Wasserleita. Komplexer sind ts Binnutreichtrogi ‘der kleine Trog zum Tränken beim Pflanzplatz’ (Goppisberg), in Bÿndero Getheillen Walt ‘im Wald der Geteilen von der Bina (Pflanzplatz) / der Familie Binder’ (1643, St. Niklaus) mit unsicherer Deutung und andere mehr.

Eine Ableitung auf /-ER/ ist in Biener (1879, Ulrichen) belegt; die Deutung ist wohl ‘Ort, wo es einen Pflanzplatz hat’, während sonst Biner oder Binder ein FaN ist, der auch als Inderbinen (AWWB 131) erscheint (cf. HLL BINDER (FAN) und BINER (FAN)).

Eine Ableitung auf /-ERI/ für Wasserleitungen ist in di Bineri (Grächen, St. Niklaus) und Binerri (1583, Eggerberg) belegt.

Nur einmal ist Gebineren im Beleg zen Schnittengebineren ‘die regelmässig abgeschnittenen Pflanzplätze’ (1808, Raron) bezeugt; formal handelt es sich um eine Kollektivableitung mit dem Zirkumfix /G(E)-ER/ (wie Gewässer), die wohl mehrere Pflanzplätze in der Form einer Schnitta (abgeschnittenes Stück Land) meint.

VSNB, Bd. 1, Sp. 210

Vorkommen

beindilti

bihn

bii

biina

biinä

biina

biindä

biindu

biine

biinelti

biinero

biinilti

biinna

biinne

biinnerro

biinnu

biinnun

biinu

biinuti

bin

bina

binda

bindelte

bindelti

bindeltin

binden

bindilti

bindiltin

bindlu

bindol

bine

binelti

binen

bineri

binerri

bini

binil

binilti

biniltin

biniltis

binn (Biina)

binna

binne

binnelti

binneltin

binnen

binnu

binnultini

binu

binuti

binutini

bühne

buinda

bund (Biina)

bünda

bunda

bundeltin

bünden

bundigo

bündilti

bundon

bunen

buydun

bydunn

byndilti

byndt

byne

gebineren

pinnti