Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

Datenbank (Webversion)
Hauptlemma

Grächen

Grächen orientiert sich an der amtlichen Schreibung des Gemeindenamens Grächen, das dial. Greechu ‘Grächen’ (Bezirk Visp) heisst. Ein zweiter Gemeindename zum gleichen HL ist Gräich, amtl. Greich (Bezirk Östlich-Raron). Beide sind zu galloromanisch *GRANĬCA ‘Scheune, Kornspeicher’, spätlat. auch ‘Meierei, Bauernhof’, daraus das ahd. Lehnappellativ *grencha ‘Scheune’ (cf. REW 3845; FEW 4, 225 f.; BENB 1, 2, 102 f.; SONB 1, 319 f.; KRISTOL ET AL. 2005, 402) zu stellen. Ein romanisches Lehnappellativ (GLATTHARD 1977, 288 ff.) ist nicht direkt im Oberwallis aus dem Romanischen entlehnt, sondern in den alemannischen Dialekten vor der Einwanderung ins Oberwallis übernommen. Der ursprüngliche Vokal wurde teilweise vor Nasal zu /e/ gehoben, woraus sich die Formen vom Typ Grech- erklären. Die Wirkung des sog. Staubschen Gesetzes (Vokaldehnung oder Diphthongierung an Stelle des /n/, auch vor velarem Reibelaut) erklärt Belege wie Gräich (Greich) oder ts Gräächi ‘die kleine Kornscheuer’ (Ried-Brig); bei diesem Beleg wurde der Name der Scheuer auf das Gebiet übertragen; eine Scheuer existiert nicht. Die ältesten Belege sind 1279 Greneche (Greich), 1300 Grenkunboden (Bürchen), 1301 apud Grenekun (Grächen), 1301 de Grenekun (Grächen), 1303 apud Grenekin (Grächen). Sichere Belege ohne /-n-/ sind 1426 de Grechon (Grächen), 1463 Grech (Greich), daneben sind aber die Formen mit /-n-/ durchaus erhalten. Unklar ist der Beleg von 1210 Willermi de Grachan. Das Dokument stammt aus Turtmann, ist ein Original und die Lesung ist Grachan (Dank an CHANTAL AMMANN und PH. KALBERMATTER). Eine Form ohne inlautendes -n- für *GRANĬCA ist um 1210 nicht möglich. Daraus folgt, dass es sich nicht um eine frühe Form von Grächen handelt; eine genaue Deutung ist jedoch nicht möglich.

Ein Diphthong ist erstmals 1583 als Zengreichen (Reckingen) belegt, 1624 als Greich (Greich), 1585 Graͤinch (Greich), 1626 Greicher Achren (Mörel) und später. Die Entwicklung scheint also von Grenekun über Grenchun zu Grechun und später zu Greich und ähnliche Formen gelaufen zu sein. Das HL kommt in rund neunzig Namen vor. In Einzelfällen kann auch das Substantiv Grëch ‘Alphütte mit Stall und Stube’ (ID. 2, 701) oder eine Form von grëch ‘fertig’ (ID. 2, 699) vorliegen.

Das Simplex im Singular ist im Gemeindenamen Gräich ‘Greich’ belegt; ein erweiterter Singular ist t Gräiche ‘der Kornspeicher’ (Selkingen). Unklar ist Grencha (Ernen), wo der Kontext fehlt. Im Dativ steht zer Greechu ‘beim Kornspeicher’ (Grächen, bei Niedergrächen). Vermutlich ein Plural ist im Gemeindenamen Grechu ‘Grächen’ (Grächen), in ze Gräiche ‘bei den Kornspeichern’ (Lax), t Gräiche ‘die Kornspeicher’ (Reckingen) und di Greechnä ‘die Kornspeicher’ (Gampel; 1723 zun Grenchen, 1736 zen Grechnen) belegt. Auch zen Greüchen ‘bei den Kornspeichern’ (1789, Binn; 1835 in den Greichen) gehört hieher.

Diminutive des Simplex im Singular sind im Graichelte ‘beim kleinen Kornspeicher’ (1816, Ernen), ts Gräichji ‘der kleine Kornspeicher’ (Bister), ts Gräichuti ‘der kleine Kornspeicher’ (Steinhaus; mit /l/-Vokalisierung), ts Greechi ‘der kleine Kornspeicher’ (Eisten), ts Greechilti ‘der kleine Kornspeicher’ (Hohtenn), jm Grenchelti ‘im kleinen Kornspeicher’ (1616, Münster), zem Grenchiltin ‘beim kleinen Kornspeicher’ (1477, Bürchen) und einige weitere. Plurale fehlen.

Mit attributiven Adjektiven finden sich: zer Mitlen Grenchen ‘beim mittleren Kornspeicher’ (1521, Täsch), zer Mittlen Grächen ‘beim mittleren Kornspeicher’ (16??, Randa), zer Neuwen Grenchen ‘zum neuen Kornspeicher’ (1616, Mund), zun Neüwen Greüchen ‘bei den neuen Kornspeichern’ (1778, Binn), ts Niwwe Gräiche ‘bei den neuen Kornspeichern’ (Grengiols), ze Niwwu Greechu ‘bei den neuen Kornspeichern’ (Bürchen), zŭder Niwen Grechen ‘beim neuen Kornspeicher’ (1634 u. später, Raron) und zun Obren Grenchun ‘bei den oberen Kornspeichern’ (1536 u. später, Gampel).

Vorangestellte Genitive sind selten: bÿ Abign Grenchenn ‘beim Kornspeicher der Familie Abig’ (1570, Greich, auch andere Lesarten für Abign möglich), bi Aspero Grenchi ‘beim kleinen Kornspeicher der Familie Asper’ (1521, Täsch), zuͤEggeren Grechun ‘beim Kornspeicher der Leute von Eggen (Weiler von Eggerberg)’ (Mund), z Heimen Grenchen ‘der Kornspeicher des Heimen (PN)’ (1521, Täsch), ts Mutzungreechu ‘beim Kornspeicher des Mutz / beim kleinen Kornspeicher’ (Törbel; Mutz ist unklar).

Als Grundwort in zweigliedrigen Komposita ist das HL wie folgt belegt: Füülegrächu ‘der faule Kornspeicher (historisch belegt, aber unklar)’ (Mund), zem Lerchgrenchiltin ‘beim kleinen Kornspeicher beim Lerch (Lärchenwald)’ (1544, Unterbäch), Niedergrächen ‘Niedergrächen’ (Grächen), Dschaaff=Grencha ‘der Kornspeicher für die Schafe (im Kontext ist von Pferch die Rede: der Schafpferch)’ (1582, Mund), ze Schwiingreechu ‘bei den Kornspeicher bei den Schweinen / den geringen Kornspeichern’ (Staldenried; Schwiin ist doppeldeutig), der Schwÿngrechen ‘der Kornspeicher bei den Schweinen / der geringe Kornspeicher’ (1581, Visp), tsch Steingräächu ‘beim Kornspeicher / Wohnhaus aus Stein’ (Birgisch), in der Steingrechen ‘im Kornspeicher aus Stein’ (1544 u. später, Eggerberg), zer Steingrenchen ‘im Kornspeicher aus Stein’ (1703, Raron), bÿ der Stein Grechun ‘beim Kornspeicher aus Stein’ (1557 u. später, Visp), in der Steingrechen ‘der Kornspeicher aus Stein / das Wohnhaus aus Stein’ (1675 u. später, Turtmann), zer Steingreechu ‘beim Kornspeicher aus Stein’ (Gampel), Steÿngräncha ‘der Kornspeicher aus Stein’ (1583, Mund). Zweimal belegt ist die Studgrenchen ‘der Kornspeicher mit einem Pfosten’ (1515, Grächen; 1525, Stalden), wo vermutlich Stud ‘Pfosten’ und nicht Stüda ‘Staude’ gemeint ist (cf. HL STUTT). Die Komposita legen nahe, dass mit dem HL manchmal auch Pferche gemeint sein können. Die normalen Scheuern waren aus Holz (cf. HL SCHIIR), deswegen wurde der Steinbau gesondert betont.

Komplexer ist Brunmatgrenchon ‘die Scheuer bei der Brunnmatte (Wiese mit Quelle / Brunnen)’ (1388, Täsch).

Als Bestimmungswort tritt das HL zusammen mit folgenden Grundwörtern in zweigliedrigen Komposita auf: Acher, Biel, Bodu, Egg(a), Grabu, Loch, Matta, Schiir, Tschugge und Wald. Komplexer sind der Grechbielspitz ‘das spitze Waldstück beim Gräächbiel (Hügel, der zu Grächen gehört)’ (St. Niklaus), Grecheggenschleiff ‘der Schleif bei der Greechegga (Ecke bei der Grecha (Kornspeicher))’ (1729, Ausserberg), di Grechmattutolu ‘die Mulde bei der Wiese mit dem Kornspeicher’ (Guttet), der Obere Grechboden ‘der obere Boden mit dem Kornspeicher’ (Mund), der Ober und der Unner Greechtschuggu ‘der obere und der unter Fels beim Kornspeicher’ (Bratsch).

Eine Reihe von Namen enthalten die Ableitung Gräicher zum Dorfnamen Gräich, ursprünglich ein Genitiv Plural, heute meist als Adjektiv verstanden: Greichero Almein ‘die Allmein (gemeinsames Gebiet) (1677) der Leute von Greich’, Greicheralp ‘die Alpe der Leute von Greich’, Gräicher Alpmatte ‘die Wiesen auf der Greicher Alp’, ob dem Greicher Kirchweg ‘oberhalb des Kirchweges der Leute von Greich’ (1863), an den Greincher Matten ‘an den Wiesen der Leute von Greich’ (1634), vnder Grenckero Stafell ‘unter dem Stafel der Leute von Greich’ (1679), t Gräicherstüde ‘die Stauden bei Greich’, Greichertal ‘das Tal bei Greich’, Greicherachra ‘die Äcker, die zu Greich gehören’, Greicherwald ‘der zu Greich gehörende Wald’ (alle Greich). Weitere solche Konstruktionen: Grecher Weg ‘der Weg nach Grächen’ (1646, Grächen), únter dem Grecher Weeg ‘unter dem Weg nach Grächen’ (1802, Embd), in den Greicher Achren ‘in den zu Greich gehörenden / Richtung Greich liegenden Äckern’ (1626, Mörel), Greicherwäg ‘der Weg von / nach Greich’ (Mörel), in den Grencher Achren ‘in den Äckern, die zu Greich gehören / Richtung Greich liegen’ (1590, Ried-Mörel). Einen gemischtsprachigen Beleg hat (lat.: in inferiori aqueductu) Grencharro ‘in der unteren Wasserleitung der Leute von Grächen’ (1388, Grächen). In den Belegen sind Grächen und Greich nicht immer klar zu trennen.

VSNB, Bd. 2, Sp. 347

Vorkommen

grääch

gräächi

gräächu

grächen

grächilty

grächu

gräiche

graichelte

gräicher

gräichji

gräichuti

gräncha

grech

grechen

grecher

grechiltin

grechji

grechu

grechun

greech

greecha

greecheru

greechi

greechilti

greechji

greechnä

greechu

greich

greichen

greicher

grench

grencha

grencharro

grenchelti

grenchen

grenchi

grenchiltin

grenchon

grenchun