Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Gartu

Gartu ‘Garten’ ist zu schwdt. Garten m., n., wdt. Gaarte, Gaartä (Goms), Gaarta (Mattertal), Gaartn (Lötschtal), Gaartu m. ‘Garten’, ‘mit Zaun, Hag, Weidengeflecht eingefangener Platz, auch im offenen Feld, worin man Flachs, Hanf, Kartoffeln zieht; wodurch er sich vom Ackerland unterscheidet, Pflanzland’, ‘das in unmittelbarer Nähe neben der Wohnung gelegene, eingezäunte und besser gedüngte (Wies-) Land’, ahd. gart, garto, mhd. garte (ID. 2, 432 f.; GRICHTING 1998, 83) zu stellen; neben den genannten Bedeutungen kann Garten auch einfach ebenes, fruchtbares Land bedeuten. Das Lemma kommt in rund 500 Namen vor. Simplizia sind dabei sehr selten und meistens im Plural Gaarte, mit Umlaut Gäärte, häufig aber mit dem erweiterten Plural Gaartna, Gaartne. Nur zweimal belegt ist ts Gaard n., vermutlich als Kollektiv (Grengiols, Naters). Die Simplizia sind oft mit Präpositionen wie zen ‘zu den’, bim ‘beim’, im oder ine ‘in den’ verbunden. Diminutive im Singular und Plural sind häufig und variieren: ts Gaartni ‘der kleine Garten’ (Fiesch), di Gaartini ‘die kleinen Gärten’ (Embd, Staldenried), di Gäärtjini ‘die kleinen Gärten’ (Baltschieder, Binn, Brigerbad (mit zen), Eggerberg, Gampel, Hohtenn, Steg), ts Gärtli ‘der kleine Garten’ (Ferden), historisch als Gertginen ‘die kleinen Gärten’ (1623, Visperteminen).

Adjektivische Fügungen sind mehrfach der Aalt Gaarte ‘der alte Garten’ (Grengiols) oder in dyen Alten Garten ‘in den alten Gärten’ (1448, Zermatt). Weitere sind Chli Garte ‘der kleine Garten’ (FLNK, Oberwald), in den Gemeinen Gärten ‘in den Gärten, die der Gemeinde gehören’ (1911, Reckingen), der Grie Gaartu ‘der grüne Garten’ (Randa), Grosse Garte ‘der grosse Garten’ (FLNK, Oberwald), am Lengen Garten ‘am langen Garten’ (1532, Fieschertal), t Nassu Gäärtu ‘die nassen Gärten’ (Gampel), zen Nidren Garttun ‘zu den niederen (unteren) Gärten’ (Saas-Balen), zen Nüwen Gartten ‘zu den neuen Gärten’ (1554, Ried-Brig), ts Ober Gaart ‘die oberen Gärten’ (Grengiols) und ts Unner Gaart ‘die unteren Gärten’ (Grengiols) – zitiert ist immer nur ein Beleg von mehreren. Nur einmal kommt ein Zahlwort vor: ze Drii Gäärtjinu ‘zu den drei kleinen Gärten’ (Staldenried). Selten sind auch attributiv gebrauchte Partizipia wie im Eingescheieten Garten ‘im eingezäunten Garten’ (1770, Termen) und der Hangend Gaarte ‘der steile (hängende) Garten’ (Grengiols).

In Komposita ist das HL als Grundwort sehr häufig; besonderes prominent sind Komposita mit der Pflanze, die im Garten vorkommt: Böümgaartu (auch Baumgarten, Bongaartu, Boimgäärtu usw. im Singular und Plural, auch mit Diminutiven) ‘Baumgarten’, Chabis- oder Chabusgaartu (auch Kabis- oder Kabus-) ‘Kohlgarten’, Chrütgaartu ‘Krautgarten, Gemüsegarten’, Flaggsgaartu ‘Flachsgarten’, Hanfgaartu (auch Haif-, Häif-, Höüf-, Hamf-, Hanef-) ‘Hanfgarten’, Safrangaartu (auch Saffer-, Saffrant-) ‘Safrangarten’, Wäärchgaartu ‘Garten mit Werg (Flachs, Hanf)’ und – sehr häufig – Wiigaarte (auch Wiin-, Wein- usw.) ‘Weingarten’. Letzteres wird auch an Orten verwendet, wo es heute keine Weingärten mehr hat, oder an Orten, wo Weingärten unmöglich sind, so etwa ts Wiingaartu und der Wiingaartugletscher (Täsch), beide auf über 3000 m. Hier ist wohl metaphorisch die Geländebeschaffenheit gemeint. Einen Sonderfall stellt der Heim-Garten dar, meist in der Form Hengart oder Hängert; hier ist – nach ID. (2, 434 f.) – ein ‘Ort der Zusammenkunft’, ‘Platz unter Linden oder andern Bäumen, wo die Bekannten am Sonntag unter Bänken zusammensassen’, ‘Belustigungsplatz’ gemeint; die ursprüngliche Bedeutung wäre ‘abgegrenzter Raum innerhalb mehrer Heimstätten’. Für das Wdt. gibt GRICHTING (1998, 106, s. v. Hengert, Hängärt) nur noch ‘Gespräch, Geschwätz, Gesprächsstoff’ und das Verb hengerte ‘plaudern, liebäugeln’. In den Flurnamen sind häufig zentrale Plätze in den Dörfern und danach auch Dorfteile gemeint. Die Bedeutung des Kompositums ist so idiomatisch geworden; sie lässt sich nicht mehr auf Heim und Garten zurückführen. Ein weiterer, anders gelagerter Spezialfall ist Pflanzgaartu ‘Grundstück im Wald mit neu gepflanzten Bäumen’, ‘Baumschule’ (TGNB 2, 2, 428 s. v. Pflanzgarte). Doppeldeutig ist schliesslich der Typ Raafgaartu. Naheliegend für das Bestimmungswort wäre eigentlich Rāf (ID. 6, 634), resp. Rafen (ID. 6, 13) ‘weisse Rübe’, oder Choolrafa ‘Rübkohl’ (GRICHTING 1998, 52). Es scheint aber, dass historische Belege und auch die Gewährsleute eher an den Ranft ‘Rand’ (ID. 6, 1059 f.) denken, der mit n-Schwund und Ersatzdehnung (Staubsches Gesetz) als Raaf- erscheint. Entsprechend kann es sich um den ‘Garten mit Rübkohl, Rüben’ handeln oder den ‘Garten am Abhang’. Selten sind Blumennamen wie in der Filyi Garten ‘der Veilchengarten’ (1804, Obergesteln) und dr Nägiligaartu ‘der Nelkengarten’ (Hohtenn). Nicht immer ganz klar ist Tiergaartu oder Tiergäärtu ‘Tiergarten’ (Blatten, Naters, Reckingen); es ist wohl nicht immer zu schwdt. Tiergarten 1. ‘Schindanger’, 2. ‘Wildpark, dgl. früher fast jede Burg besass’ (ID. 2, 439) zu stellen; in Naters ist damit wohl ein hochgelegenes Gebiet gemeint, wo es viele Gemsen hat. In Brig sind zwei historische Belege überliefert: Flurgarto (1355, Brig) und Slorgarto (1399, Brig). Der zweite Beleg kann auch als Florgarto gelesen werden, der erste ist unsicher. Zu vermuten ist darum als Name Florgarto (mit Flor für ‘Blumen’), also der ‘Blumengarten’.

Komposita-artig sind Besitzer- oder Nutzernamen wie in Agttun Garttun ‘im Garten der Familie Agten’ (1595, Betten). Hier ist der Familienname im Genitiv gesetzt; diese Genitive lassen sich aber wie auch sonst nicht immer von Bestimmungwörtern oder Adjektiven unterscheiden. Weitere solche Fälle sind (Auswahl): zu Balisgarten ‘der Garten des Bali / der Familie Bali’ (1776, Unterbäch), wo unklar ist, ob es sich um einen Beinamen oder eine hypokoristische Form zum FaN Balet handelt, Bosgoltzgarto (1304, Visp), wo ein sonst nicht belegter PN Bosgolt erscheint. Unklar ist im Guriner Garten ‘im Garten der Familie Gurin’ (1787, Münster) – ohne weitere Informationen ist unklar, ob es sich hier um jemand aus der Gemeinde Bosco-Gurin (Tessin, Walsergemeinde) handelt (man vgl. den Namen Lamparter ‘Person aus der Lombardei’), oder um jemand, der den Namen Gurin als Beiname oder Familienname führte. Bei ts Heersch Gaartu (Niedergesteln) ist der Garten des Pfarrers (oder hier Priors) gemeint. in Karlen Garten (Zeneggen) ist doppeldeutig: ‘im Garten des Karl / der Familie Karlen’. im Heinegaarte ‘im Garten des Heinrich / der Familie Heinen’ (Ulrichen) ist ebenfalls mehrdeutig. Ziemlich sicher ein Familienname ist jedoch in Minnigsgarten ‘der Garten der Familie Minnig’ (1673, Brig) enthalten. Anders wieder in Thomisch Garten ‘im Garten des Thomas / der Familie Thomi’ (1700, Mühlebach).

Nur sehr selten ist ein nachgestellter Genitiv wie in sub horto Escherro ‘unter dem Garten der Familie Escher’ (1624, Baltschieder). Das lateinische Wort hortus ‘Garten’ braucht hier nicht ein Flurname zu sein; Escherro ist ein Genitiv Plural, der einen FaN wie Escher oder Imesch als Basis hat.

Nicht selten sind Bestimmungswörter, die selbst Flurnamen sind oder lokal naheliegende Gebiete bezeichnen. So sind die Bielgäärtu ‘Gärten beim Biel (Hügel)’ (Zeneggen) nach einem Biel benannt, die Bietschgäärtu ‘Gärten beim Bietschi’ (Raron) nach dem Bietschbach, die Biinugäärtjjini ‘die kleinen Gärten bei der Biinu (Pflanzplatz)’ nach einer Biinu usw. Weitere derartige Bestimmungswörter sind Bode, Brunnu, Chriiz, Driell (Traubenpresse), Eril (Erlen), Flüe, Furu (Furche), Giessi (Wassertümpel), Hell (Hölle), Hubil, Mili (Mühle), Mischi (sumpfige Stelle), Mos, Ofu, Ried, Riti (gerodetes Gebiet), Saflisch, Zuba ‘Wasserfuhr’ und andere.

Viele dieser Möglichkeiten gelten auch für die Komposita wie Böumgaartu und Wiingaartu, die im Einzelnen in der Datenbank verzeichnet sind. Hier nur zwei Beispiele für komplexe Bildungen: Brugger Bongarten ‘der Baumgarten der Familie Brügger / Brigger’ (Turtmann) und Sratwyngarto ‘der Weingarten beim Schratt (Felsspalten)’ (1327 Naters).

Als Bestimmungswort tritt das HL mit seinen Varianten deutlich seltener auf. Grundwörter sind Acher, Gassa, Lowwi (Rutschgebiet), Matta, Schleif, Stüde, Stuck, Wäg, Wald und andere. Öfter kommt Gartstatt oder Gartstette (Bürchen, Ernen, Münster, Visperterminen) vor, das eine Stelle bezeichnet, die als Garten geeignet ist (vgl. ID. 11, 1727). Zu diesen einfachen Komposita können auch komplexere gebildet werden: Pfarriigaartustraas ‘die Strasse vom / zum Pfarreigarten’ (Visp), Schlüöchtgartweide ‘die Weiden beim Schlüöchtgarte (Garten bei der Geländeeinbuchtung)’ (Unterbäch) oder der Trútschardigen Weingarten ‘der Weingarten der Familie Trutschard’ (Leuk), die im 16. Jahrhundert belegt ist.

Ableitungen zu Gaartu sind kaum belegt. In Mund und in Birgisch heissen Wasserleiten Gärggeri ‘Wasserleite, die bei den Gärten vorbeifliesst’. Unsicher ist eine Ableitung auf /-EL/ in Gärtelbodi ‘der kleine Boden beim kleinen Garten / der gertelförmige kleine Boden’ (Mund) und dem nur historisch belegten Gertilwasserleita (1391, Mund), wo unklar ist, ob Gartu oder Gertel zu Grunde liegt. Da letzteres aber sonst in den Namen fehlt, kann hier wohl eine seltene /-EL/-Ableitung zu Gartu angenommen werden, hier vermutlich mit diminutiver Bedeutung.

VSNB, Bd. 2, Sp. 234

Vorkommen

arte

gaard

gäärggi

gäärggji

gäärgjini

gaart

gäärtä

gaarte

gäärte

gaarte

gäärte

gaarte

gäärte

gaarte

gäärte

gaarte

gäärte

gaarte

gäärte

gaarte

gaarten

gaartersch

gäärtgi

gaartini

gaartinu

gäärtji

gäärtjine

gäärtjini

gaartjini

gäärtjini

gäärtjinu

gaartna

gaartne

gaartner

gaartnersch

gaartni

gaarto

gaartu

gäärtu

gaartu

gäärtu

gaartu

gäärtu

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gäärtu

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gärggeri

gärggini

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gart

gärt

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gärte

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garten

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gärtli

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garto

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garttly

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gert

gertgi

gertginen