Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Tal

Tal(l) n., auch Taal n., ist zu ahd. und mhd. tal n., wie nhd. ‘Tal, als Geländeform, Einheit der Bodengestalt, durch Höhenzüge begrenztes Gebiet’ auch ‘Seitental’ und wdt. Tall, Taal (Lötschental), Tälli (Mattertal), Telli (ID. 12, 1303 ff.; ZINSLI 1946, 105, 207; GRICHTING 1998, 193) zu stellen. Tälli, Telli n. ist das Diminutiv von Tal: ‘Hochtälchen im obersten Berggebiet’ in Graubbünden, Wallis u. w. (ZINSLI 1946, 315). Das HL kommt in rund 450 Flurnamen vor. In einigen wenigen Fällen kann ein historisches Thel auch zum HL TÄÄLE ‘Dähle’ gehören.

Generell ist zu unterscheiden zwischen dem Haupttal (Rottetal ‘Rhonetal’), das in den Daten typischerweise fehlt (warum etwas benennen, das für alle klar ist?), und den wichtigsten Seitentälern, in denen es Dörfer gibt: Binntal, Fieschertal, Vispertal (mit Saas- und Mattertal) Lötschental und Tal der Dala, sowie den Seitentälern mit grösseren Bächen und Flüssen wie Gerental, Ägenetal, Blinnental, Rappental, Gantertal, Nanztal, Baltschiedertal, Bietschtal, Jolital und Turtmanntal, um nur die wichtigsten zu nennen. Gegen Italien entwässern etwa das Zwischbergental, das Laggintal und die Gondoschlucht. Daneben gibt es sehr viele weitere, teilweise nur sehr kleine Täler, die manchmal nur Tälli oder Telli heissen. Die Benennung der Täler ist nicht immer eindeutig: so heisst das Nanztal auf der Siegfriedkarte Gamserthal (nach dem Bach Gamsa) und 1724 ist in Valle Antz ‘im Nanztal’ (1724, Visperterminen) belegt, beim Turtmanntal ist nicht klar, ob das Tal nach dem Ort, wo der Bach in den Rotten mündet (Turtmann), oder nach dem Fluss Turtmänna heisst. Auch beim Vispertal ist nicht klar, ob der Gemeindename Visp oder der Bachname Vispe älter und namengebend ist. Die SK kennt für Blatten Aeusser und Inner Faflertal, die heute nur ts Uister und ts Inner Tal heissen.

Dass sich um die Täler ganze Namennester bilden, ist erwartbar. So gibt es etwa in Saas-Almagell unterhalb des Weissmies ts Rot Tal ‘das rote Tal’ und dazu der Rottalbach ‘der Bach im Rottal’, der Rottalgletscher ‘der Gletscher oberhalb des Rottals’, t Rottaleggu ‘die Ecke beim Rottal’, der Rottalbrunnu ‘die Quelle / der Brunnen im Rottal’. In Münster gibt es neben ts Chietal ‘das Kühtal’ auch Chietalbach ‘der Bach durch das Kühtal’, t Chietalbochte ‘die Bochte (Bottich) auf der Alpe Chietal (Kühetal)’, der Chietalchäller ‘der (Käse-)Keller im Chietal (Tal für die Kühe)’, der Chietalnolle ‘der Nollen (rundlicher Fels) auf der Alp Chietal (Kühetal)’, der Ober und der Under Chietalnolle ‘der obere (talaufwärts liegende) und der untere (talabwärts liegende) Nollen (rundlicher Fels) auf der Alp Chiental (Kühetal)’ und der Chietalstock ‘der Felsstock oberhalb der Alp Chietal (Kühtal)’ (alle Münster). Weitere Namennester führen wir hier nicht auf.

Das Simplex im Singular ist lebend nur als ts Tal (Feschel, Grengiols) und ts Tall (Erschmatt) belegt; historisch kommt es als im Thall (1587 u. später, Bitsch; 1757, Binn), jm Thall (1307 u. später, Eggerberg), im Tal (1392, Goppisberg) und Thall (1610, Mühlebach) vor. Als ts Tau (Gluringen) ist es für die Gluringer Alpe belegt, hier mit der l-Vokalisierung des unteren Goms.

Selten tritt ein Simplex im Plural auf: di Teller ‘die Täler (bei der Massa)’ (Bitsch) und das unsichere Tellere ‘die Alpe Tellere (Täler)’ (Ulrichen), wo eventuell eine -ERA-Ableitung als Kollektiv vorliegt (SONDEREGGER 1958, 471 ff.) mit Telleregrat ‘der Grat bei den Tälern’ und Tellerelicke ‘die Lücke (Fusspass) beim Geschinerstock von der Alpe Tellere ‘bei den Tälern’ über den Aaargrat’; hierzu gehört auch Tellera ‘bei den Tälern’ (1320, Glis).

Sehr häufig dagegen ist das Diminutiv im Singular als ts Täli (Saas-Almagell, Saas-Fee, Saas-Grund), ts Tälli (Binn und zehn weitere, dazu historische) und ts Telli (Embd, Raron), das Telli (1747, Martisberg) und im Tellin (Blatten), selten auch als bim Täälti (Ried-Brig), jm Telti (1815, Guttet) und ts Teuti (Fieschertal) belegt.

Im Plural des Diminutivs finden sich: zen Tellun (1402, Mörel; 1322 de Telle; 1507 unsicher jm Toel) und Tellini (FLNK, Eggerberg; Ferden).

Mit attributiven Adjektiven oder Partizipien ist das HL belegt in: ts Fiischter Taal ‘das finstere Tal’ (Kippel), im Finstern Thal ‘im finstern Tal’ (1626, Blatten), ts Fiischtertellä ‘das finstere kleine Tal’ (Ferden, zweifach), dazu auch t Fiischtertellälicher ‘die Löcher (Höhlungen) beim finsteren kleinen Tal (ts. Fiischtertellä)’ (Ferden), Grosställi ‘das grosse kleine Tal’ (LT, Saas-Almagell), ts Inner Telli ‘das innere kleine Tal’ (Embd), Inners Tal ‘das innere (=taleinwärts liegende) Tal (nördliches Seitental zum Lötschental)’ (FLNK, Blatten; LT Inner Tal), jn Valle Jlliacâ ‘dasTal der Lonza (Jlliaca ist wohl in Anlehnung an das Val d'Illiez gewählt, bezieht sich hier aber auf das Tal der Lonza)’ (1668, Gampel), ts Leng Tal ‘das lange Tal (Seitental zum Ägenetal, von West nach Ost)’ (Ulrichen), ts Lengtal ‘das Lengtal (auch der Name von Tal und Heiligkreuz)’ (Grengiols), ts Leng Tau ‘das Lengtal (langes Tal) (Binn), Minschtigertal ‘das Tal, durch das der Minstigerbach nach Münster fliesst’ (Münster, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), ts Mittal ‘die Mitte des Tales (Lonzatal)’ (Gampel, Hohtenn, Steg), zú Mitthal ‘bei der Mitte des Tales’ (1669, Niedergesteln; wohl gleicher Name wie ts Mittal), ts Nider Tal ‘das niedere (untere) Tal unterhalb der Alpe Tellere’ (Ulrichen), ts Ober Tal ‘das obere Tal’ (Naters), Oberthal ‘das Obertal (Teil der Alpe Tellere, Gegenstück zum Nidertal)’ (1653 u. später, Ulrichen), jn Vndren vnd Obren Tall ‘im unteren und oberen Tal’ (1609–1699, Zwischbergen), ts Ober Telli ‘das obere kleine Tal’ (Eggerberg), ts Ober Tälli ‘der obere Teil des kleinen Tales’ (Obergesteln), ts Ober Tälli ‘das obere kleine Tal’ (Fieschertal), jm Obren Thall ‘im oberen Tal’ (1701, Feschel), Obertal ‘das obere Tal’ (Ulrichen, LT und FLNK, wohl identisch mit Oberthal), t Obru Tellini ‘der obere Teil der kleinen Täler (Alpe)’ (Ferden), ts Beesch Telli ‘das böse (steile) kleine Tal’ (Saas-Almagell), ts Bieligertau ‘das nach Biel führende Tal nördlich der Gemeinde Biel’ (Biel; formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), ts Blind Tal ‘das blinde Tal’ (Mund), ts Blindtal ‘das blinde Tal’ (Eggerberg, Naters), ts Rot Tal ‘das rote Tal’ (Saas-Almagell, zweifach), ts (e)Rot Telli ‘das kleine rote Tal’ (Embd), ts (e)Rot Tälli ‘das kleine rote Tal’ (Randa), Stegerthale ‘das Stegertal (gemeint ist wohl das Tal der Leute von Steg)’ (1860, Hohtenn, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), jm Ausren Thall ‘im äusseren Tal’ (1666, Zwischbergen), ts Uister Tal ‘das äussere Tal (auf ca. 2600 m)’ (Blatten), im Vndren Thall ‘im unteren Tal’ (1729, Eggerberg), ts Unner Tal ‘das untere Tal’ (Naters), ts Unner Telli ‘das untere kleine Tal’ (Eggerberg, Fieschertal), ts Unner Tälli der untere Teil des Tälli (kleines Tal)’ (Obergesteln), ts Verloru Telli ‘das verlorene kleine Tal’ (Oberems), Vispertal ‘das Tal der Vispe’ (LT, Zeneggen, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural?), ts Wiss Tal ‘das weisse Tal’ (Saas-Almagell, zweimal), Wiiss Tälli ‘das kleine weisse Tal’ (FLNK, Kippel), ts Wiisställi ‘das weisse kleine Tal (laut Gwp ehemals Weisstannen)’ (FLNK, Bitsch), ts Üsser Telli ‘das äussere kleine Tal’ (Embd).

Vorangestellte Genitive zum HL sind selten; Belege mit formalem Adjektiv und altem Genitiv Plural sind teilweise schon erwähnt: Fieschertau ‘Fieschertal (Gemeindename, Tal des Wysswasser, das bei Fiesch in den Rotten mündet)’ (Fieschertal; formal ein Adjektiv, wohl alter Genitiv), Gamserthal ‘das Nanztal’ (SK, Visperterminen, hier wohl benannt nach dem Fluss Gamsa, kann auch zum als Genitiv Plural zum Weilernamen Gamsen ‘der Leute von Gamsen’ verstanden werden), ts Gisentell, di Gisentella, ts Gisentellin (Blatten, vgl. HL GISENTELLA), Greichertal ‘das Tal der Leute von Greich’ (FLNK, Greich, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), ts Lampertal ‘das Tal des Lampert / der Lämmer’ (Eggerberg, unklar), Mattertal ‘das Tal der Matter Vispe von Zermatt bis Stalden’ (Randa, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), ts Niggelingtelli ‘das kleine Tal auf der Alpe Niggeling (Familie Nicolin / Niggeli)’ (Ergisch), ts Riedertal ‘das Riedertal (Tal vom vorderen Ried ins Haupttal) (Visp, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), ts (e) Rotigtelli ‘das kleine Tal der Alpe Rotigu (der Familie Roten / der Leute des Roten)’ (Oberems), ts Seukigertau ‘das Selkiger Tal (auf LT auch Bieligertal), durch das der Selkigerbach (auch: Walibach) in den Rotten fliesst’ (Selkingen, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), Wasmertälli ‘das kleine Tal bei den Wiesen (Alpe Wasme)’ (Ried-Brig, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural), ts Wängertelli ‘das kleine Tal der Alpe Wänger’ (Oberems, formal Adjektiv, alter Genitiv Plural). Fast alle Belege lassen sich auch als Adjektive deuten.

Als Grundwort ist das HL mit anderen Orts- und Flurnamen verbunden, welche die Lage des Tales näher bestimmen. Allerdings ist häufig unklar, worauf sich diese Bestimmungsnamen genau beziehen. das Agerental (1397 u. später, Oberwald) hat als älteste Beleg Agoͤrn (1397) und erst 1578 ex valle Agerenn, heute heisst es Geeretal ‘das Gerental’ (Oberwald), das Attital (Feschel) erscheint 1843 als Matethal (wahrscheinlich mit falscher Trennung von im Attital), wobei die historischen Belege (ab 1701 Attenthal) das HL ATTI ‘Vater’ nahelegen, das Erschthall (1796 Erschmatt, 1701, Feschel) bezieht sich auf Ersch, heute Erschmatt (der Name ist romanisch, aber ungedeutet), das Finiltelli ‘das kleine Tal beim Findlesee (Visperterminen) enthält das HL FINEL ‘Heuschober’, ts Friilitelli ‘das Friilitelli, kleines Tal oberhalb der Alpe Friili’ (Oberems) ist wohl zu einem PN oder FaN Frily zu stellen, dem Besitzer der Alpe, das Furggtälli (FLNK, LT Saas-Almagell) befindet sich oberhalb der Alpe Furggu (vgl. HL FURGGA) und viele andere mehr. Unklar ist etwa das Gredetschtal (Mund), 1517 als in valle Gredetz belegt; der einfache Name erscheint schon 1391 als in Gredetz (cf. HL GREDETSCH). ts Hasutal ‘das Tal mit Hasen’ (Visp) ist laut Gwp ein Jagdgebiet, wohl für Hasen, während das Chietal (Münster, Obergesteln) auf eine Alpe für Kühe Bezug nimmt. ts Hungerlitelli ‘das kleine Tal auf der Alpe Hungerli’ bezieht sich auf eine unfruchtbare Alpe (kaum auf eine Alpe der Familie Hunger), während Laggiintal ‘das Tal, durch das Laggina fliesst’ (Zwischbergen, Simplon) auf einen vordeutschen Namen Bezug nimmt, der nicht deutbar ist; ob das 1269 belegte Lyestinaschi zu Laggiina gehört, wie SCHMID (1890, 161) meint, ist sehr unklar. ts Ofutal ‘das Ofental’ (Saas-Almagell) kann sich auf einen heissen Ort (cf. HL OFU) beziehen. ts Öügschttelli ‘das kleine Tal, das im August bestossen wurde’ (Oberems), lässt sich auf den Nutzungs-Monat beziehen, ähnlich ts Wintertälli ‘das kleine, schlecht besonnte Tal’ (Betten, Leuk), das lange Schnee hatte. Eine seltene metaphorische Deutung enthält ts Chortälli ‘das kleine Tal, das wie ein Chor (Teil einer Kirche) aussieht’ (Naters).

Neben diesen und anderen Talnamen gibt es auch eine Reihe von komplexeren Namen, von denen nur ts Altstafoltelli ‘das kleine Tal bei der Alpe Alte Stafel’ (Unterbäch), Greecheru Seetal ‘das Seetal der Leute von Grächen’ (FLNK, Grächen), ts Inner Meidtelli ‘der innere Teil des kleinen Tals der Alpe Meiden’ (Oberems), ts Unner Nesseltal ‘der untere Teil des Nesseltales’ (Glis) erwähnt seien; weitere finden sich in der Datenbank.

Als Bestimmungswort findet sich das HL in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern: Acher, Bach, Biel, Bord, Bodu, Brunnu, Chi, Egg(a), Eie, Gletscher, Grabu, Grund, Hitta, Flüö, Fääsch, Furgga, Gassa, Graat, Heim, Hooru, Joch, Licka, Löuwina, Müra, Matta, Moos, Ritz, Schiie, Schluocht, See, Sperri, Spitz, Stafel, Steg, Stock, Straas, Tschugge, Ture, Wäg und Wald.

Komplexere Formen sind etwa Alte Talwäg ‘der alte Weg durch das Vispertal’ (FLNK, Visp), dr Hasutalschleif ‘der Schleif beim Hasental’ (Visp), dr Inder Talgletschär ‘der Gletscher am Ende des inneren Tales (das taleinwärts liegt)’ (Blatten), Chaschtlertellipass ‘der Pass ins Chaschtlertelli (kleines Tal beim Chaschtler)’ (LT, Niedergesteln) und viele andere mehr.

Auffällig sind einige vorangestellte Genitive des HL: im Tellischbach ‘der Bach des Telli / im Gebiet Telli’ (1548, Eyholz), des Thelltis Thirli ‘der kleine Durchgang zum kleinen Tal’ (1592, Fiesch), t Tällischegge ‘die Ecke bei der Alpe Tälli (kleines Tal)’ (Oberwald). Nur in seltenen Fällen ist ein PN wie Tello (FÖRSTEMANN 1, 399) gemeint.

VSNB, Bd. 4, Sp. 303

Vorkommen

taal

tääli

täälti

tal

täli

tälini

tall

tälle

talleren

tallerro

tälli

tällisch

tälltschi

tälti

tau

teli

tellä

telle

teller

tellere

tellerra

telli

tellin

tellini

tellisch

tellti

telti

teuti

thahl

thal

thale

thäli

thall

thell

thellen

thelltis