Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Löuwina

Löuwina f. ‘Rutschgebiet’ mit verschiedenen Varianten ist zu schwdt. Lauwelen f. ‘etwas (über einen Abhang) in die Tiefe gleitendes, stürzendes, von Massen von Erde, Schnee, Eis, Steinen usw.; Erd-, Schneerutsch, -sturz, bes. im Bergland und Hochgebirge’, ahd. lewina aus dem rom. vglat. rätorom. lavi(n)na, tess. luvina (neben slavina) (ID. 3, 1539 ff.) zu stellen. GRICHTING (1998, 129) nennt als Formen neben Lowwena auch Lawiina, Löwännä, Lowwuna, Lobena, Löübinu, Loiwina, Löibinu, Lowwi oder Loiwinu und gibt als Deutung ‘Lawine’. KLUGE / SEEBOLD (252012, 564) betont, dass älteres Laue, Lauene ‘Wildbach, Bergsturz’ in den oberdeutschen Mundarten weiterlebe. Auch ZINSLI (1946, 329) nennt als Deutungen “Rüfen-, Lawinenhang”, “Rinnen” und “Schuttkegel”. In den Flurnamen sind meistens Rinnen und Hänge gemeint, wo Schnee- und Erdrutsche möglich sind; in den Deutungen wird deswegen generell ‘Rutschgebiet’ gegeben. Dabei ist zu bedenken, dass das HL auch Siedlungen benennt (etwa t Lowwina als Dorfteil von Ried-Brig). Wenn jedoch von Grabu oder Zug die Rede ist, sind Lawinengräben und -züge gemeint. Die verschiedenen Formen gehen auf die Behandlung von -ouw- im Walliserdeutschen zurück (vgl. RÜBEL 1950, 4 u. SDS 1, 120 u. 122); geschriebene Belege weisen auch {auw} auf. Die betonte Silbe ist normalerweise die erste Silbe; in Namen, die nhd. beeinflusst sind, kann auch die zweite Silbe betont sein (Typ: La’vi:na). Das Verhältnis der kürzeren Form Löuwi / Lowwi usw. zur längeren Löuwina / Lowwina usw. kann hier nicht diskutiert werden; zu vermuten ist, dass die kürzere Form älter und gängiger ist, die längere dagegen schriftsprachlich beeinflusst wurde. Das HL ist in rund 390 Namen belegt.

Wie schwierig die Zuweisung zu einer Namenform ist, zeigen exemplarisch die historischen Belege in Mörel: 1247 Loynon, 1400 Lowinon, 1440 Lowynon, 1440 Lowyne (Genitiv!), 1558 die Louwinon, 1668 vff der Lauwenen, 1663 aúf der Loúwinen, 1684 aúff der Laúwinen, 1747 aúff der Lowinen usw.

Das HL ist häufig als Simplex im Singular oder Plural belegt. Als Formen finden sich: Lauwenen (1715, Selkingen; 1744 Niederwald), Lauwinen (1698, Steg; Mörel und Geschinen mit wechselnden Schreibungen), t Lobena (Täsch), zer Lobenu (Zermatt), uf dr Loibinu (Ferden), zi Loiwinun (Blatten), t Loiwinä (Kippel), Louwinen (1549; Ernen), in der Lowinen (1531, Binn), Lobana (Täsch), Lowinon (1383 u. später, Glis), an der Lowinen (1719, Unterbäch), t Lowwene (Täsch), t Lowwine (Raron und andere), t Löuena (Fieschertal und andere), t Löuwena (Fiesch), t Löuwene (Münster und andere), t Löuwina (Bellwald und andere), uf der Löwwene (Reckingen), ze Löibinu (Saas Grund und andere), t Löüwina (Ried-Mörel; LT Läubina).

Hingegen ist die Kurzform Lowwi (Eischoll, hist. auch Lauwi) als Simplex nur einmal belegt. Diminutive im Singular des Simplex sind jedoch nur zu dieser Kurzform belegt: Lauili (FLNK, Niedergesteln), im Lowwili (Stalden), ts Lowwili (Eggerberg, Simplon), ts Löueli (Fiesch, FLNK Löuweli, SK Lauweli).

Attributive Adjektive zum HL sind vor allem vom Typ Ho(ch) in Holowina (Glis) in rund einem Dutzend Belegen, wobei meist ein hoch gelegener Lawinenzug gemeint ist. Daneben finden sich in den Alten Louwinen ‘in den alten Rutschgebieten’ (1560, Naters), ts Fälsch Lowwili ‘das falsche (täuschende) kleine Rutschgebiet’ (Simplon), Grielöuwene ‘der grüne Lawinenzug’ (Reckingen), t Indru Loiwinä ‘die inneren Rutschgebiete’ (Kippel), t Längi Löüwinu ‘der lange Lawinenzug’ (Gampel), an der Lengen Lowinen ‘am langen Lawinenzug’ (St. Niklaus), t Mittelloiwinä ‘der mittlere Lawinenzug’ (Blatten), t Ober Löuena ‘das obere Rutschgebie’ (Blitzingen und sieben andere), t Breit Löuena ‘das breite Rutschgebiet’ (Bellwald und drei andere), t Rot Lowwina ‘das rote Rutschgebiet’ (Eisten und fünf andere), Schmallowina ‘das schmale Rutschgebiet’ (Simplon und andere), die Schwarz Lowina ‘das schwarze Rutschgebiet’ (1498 u. später, Eisten), die Diirlouwinen ‘das dürre (trockene) Rutschgebiet’ (1552, Binn), in der Touͮffun Lowinon ‘im tiefen Rutschgebiet’ (1400 Glis; 1388, Ried-Brig), t Uistru Loiwinä ‘die äusseren Rutschgebiete’ (Kippel), t Unner Löuena ‘das untere Rutschgebiet’ (Blitzingen und sechs andere), Wysun Louwina ‘das weisse Rutschgebiet’ (1323 u. später, Fieschertal und Fiesch). Mit attributiven Zahlwörtern erscheinen t Erscht, di Zweit und di Dritt Lowwina (alle Visperterminen) mit einer motivierenden Erzählung. Ein attributives Partizip ist belegt in t Schriijund Lowwina ‘das wasserfallartige Rutschgebiet’ (Zwischbergen), das zum HL SCHRÄÄJE – SCHREEJE zu stellen ist.

Einen vorangestellten Genitiv findet man in ts Schwärisch Löüwina ‘das Rutschgebiet der Familie Schwery’ (Ried-Mörel); sonst liegen keine derartigen Konstruktionen vor.

Als Grundwort ist das HL in zweigliedrigen Komposita mit anderen Lemmata belegt; am häufigsten ist t Harlowena ‘die Schlammlawine’ (Täsch), zer Horlöübinu ‘bei der Schlammlawine’ (Saas Grund) und weitere Belege, die das HL HORB ‘Schlamm’ aufweisen. In anderen Belegen kennzeichnen die Bestimmungswörter Bäume wie Aarblöüwinu ‘der Lawinenzug bei den Arven’ (Gampel), t Birchlöuene ‘das Rutschgebiet im Bereich Birch’ (Ritzingen), t Eschlowwi ‘der Lawinenzug bei den Eschen’ (Raron), iuxta der Hassolowinon ‘neben dem Rutschgebiet bei den Haselstauden’ (1374 u. später, Glis, 1400, Ried-Brig). Weitere HL sind: t Alplowi ‘der Lawinenzug bei der Alp’ (Raron), uf der Faldúmloibinu ‘auf dem Rutschgebiet des Faldumbaches’ (Ferden), Griinloiwina ‘das Rutschgebiet beim Grin (wo umgehauene Baumstämme herumliegen)’ (Blatten), t Iischlowwina ‘das Rutschgebiet mit Eis’ (Zwischbergen), die Kaarlowwena ‘das Rutschgebiet beim Chaar (wohl: Karstgebiet)’ (Randa), t Cheerlöuene ‘das Rutschgebiet am Cheerbach’ (Obergesteln) und viele andere. Schwierig sind mehrere Namen vom Typ t Mäslowwi (Mund), t Mäslowwina (Eisten, Staldenried), wo das HL MÄSS unklar ist; es wurde hier als Ort, wo Milch gemessen wurde, umschrieben; verschiedene Mäslöüb wurden zum HL LÖÜB ‘Laub’ gestellt, gehören aber wohl hieher (z. B. Saas Almagell); das Problem der Zuweisung von Löüb zu Lowwina ist vor allem dort vorhanden, wo letzteres als Löubina oder ähnlich erscheint.

Komplexere Konstruktionen sind etwa: t Hinner Hosandlöüwi ‘der Lawinenzug beim hinteren Hosand (hohes Sandgebiet)’ (Ulrichen), t Hinner Grie Löwwene ‘der hintere grüne Lawinenzug’ (Reckingen), t Üsser Steilowwina ‘das äussere Rutschgebiet mit Steinen’ (Eisten).

Häufig sind Komposita mit dem HL und seinen Varianten als Bestimmungswort zu den Grundwörtern Acher, Bach, Bann, Biel, Bodu, Bord, Damm, Cheer, Egg(a), Fall, Flüö, Gadu, Gartu, Grabu, Haalta, Hooru, Matta, Mad, Räb-, Schiir, Schleif, Schluocht, Schlund, Schwung, Stock, Strich, Stutz, Suon, Tschugge, Verbüwung, Wald, Wang, Wanna, Wasser, Weid, Weri, Wild, Zü und Zug.

Auch hier sind komplexere Bildungen leicht möglich: dr Gross Loiwin Bach ‘der grosse Loiwinbach (Bach aus der Loiwina)’ (Blatten), der Hinner Löwwischleif ‘der hinter Schleif bei der Löuwene’ (Reckingen), der Holöuenewang ‘der Grashang beim hohen Lawinenzug’ (Fieschertal), dr Chleilowinbachfall ‘die Felswand / der Wasserfall des kleinen Baches in der Loiwina’ (Blatten), t Horloiwingräbem ‘die Gräben bei der Schlammlawine’ (Blatten), der Ober Längulöüwinubodu ‘der obere Teil des Bodens beim langen Lawinenzug’ (Gampel), Breitlauihorn (Baltschieder) und Breitlauijoch (Baltschieder) und weitere mehr Eine seltene Appositionsform ist Kapällu ze Löübinu ‘die Kapelle beim Weiler Ze Löubinu (beim Rutschgebiet)’ (Saas Grund).

Schwierig zu deuten ist t Löwiggene (Geschinen, LT Löuwiggene, FLNK Löuwieggene). Zu vermuten ist wohl, dass sich die Form aus Löwwi ‘Erdrutsch’ und Wieggi ‘Erdlawine’ gebildet hat, wobei das sog. BRANDSTETTERsche Gesetz die Verkürzung zu Wiggene erklärt.

Keine gute Erklärung gibt es für den Beleg die Allowina (1547, Simplon), die im Kontext it. als fossale ‘Graben’ bezeichnet wird.

VSNB, Bd. 3, Sp. 143

Vorkommen

allowina

lauen

laui

lauili

lauinen

lauiwi

lauwenen

lauwi

lauwinen

lawiine

llowi

lob (Löuwina)

lobana

lobena

lobenu

lobina

loibi

loibini

loibinu

loiwi

löiwi

loiwi

loiwig

loiwign

loiwin

loiwina

loiwinä

loiwina

loiwinä

loiwinär

loiwinu

loiwinun

löü

löu

löü

löube

löübi

löubina

löübina

löübinu

löue

löüeli

löuena

löuene

löui

löuw

löüwe

löuwe

löüwe

löüwena

löuwena

löüwene

löuwene

löüwene

löuwene

löüwenen

löuwenen

löuwi

louwi

löüwi

louwi

löüwi

löuwi

louwi

löuwi

löüwi

löuwi

louwi

löüwi

löuwi

löüwilji

löuwina

löüwina

louwina

löuwina

löüwina

löuwina

löüwina

löüwine

löuwine

löüwine

louwinen

löüwinu

louwinun

löuwwe

löuwwi

lowena

lowenu

lowi

löwiggene

lowin

lowina

lowine

lowinen

lowinon

lowinun

lowji

lowwena

löwwene

lowwene

löwwene

lowwi

löwwi

lowwi

löwwi

lowwi

löwwi

lowwi

löwwi

lowwi

löwwi

lowwi

löwwi

lowwi

lowwili

lowwilli

löwwin

lowwin

lowwina

lowwine

lowwinu

lowynon

lwina