Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Stock

Stock m. ‘Stock’ ist ein mehrdeutiges HL, das zu schwdt. Stock m., Pl. in der älteren Sprache und in Bed. Stockwerk unverändert, sonst mit Umlaut, Dim. Stöckli, Stockji ‘Baumstamm, Baumstrunk, Wurzelstock’; ‘Holzblock, Klotz, Pfahl’, ‘kegelförmiger Berg’, ‘aufgeschichteter Haufe’, amhd. stoc(h) (ID 10, 1674 ff.) bzw. schwdt. stocke(n), Part. II -et ‘einen Baumstrunk mit einer Axt bis auf die Wurzeln stückweise spalten; nach dem Holzfällen von den Wurzelstöcken das Holz mit Keil und Axt spalten; die Wurzelstöcke gefällter Bäume ausgraben’, mhd. stocken (ID 10, 1773 ff.) und wdt. Schtokk, Pl. Schtekk ‘Baumstrunk, Etage, Familie (erbberechtigte), Warenstapel, Gebilde (kegelförmiges)’ (GRICHTING 1998, 182) zu stellen ist. Als Rodungsname bezeichnet Stock die Rodungsart des Ausstockens der Baumstrünke und des Wurzelwerks, wobei beim Niederbrennen des Walds die Baumstümpfe zunächst noch im Boden bleiben (TGNB 2, 2, 573). Für den Kanton Uri unterscheidet URNB (3, 440) drei Bedeutungsvarianten, wovon die erste als Bezeichnung einer stumpfkegeligen Gebirgsform besonders prominent ist. In unserem Kontext gilt das im Wesentlichen für die Grenzgipfel zum Kanton Uri und zu Bern (Gadmental); im Oberwallis selbst wird Hooru ‘Horn’ verwendet. Stock als ‘Wohnbau’ ist im Oberwallis kaum vertreten (V. SCHMID 2003 kennt das HL in diesem Sinn nicht), obwohl einzelne Belege so zu verstehen sind (z. B. zum Briggerstock ‘zum Wohnhaus der Familie Brigger’ (Staldenried)’.

Der Plural mit Umlaut und anschliessender Entrundung Steck ‘die Stöcke’ kann manchmal mit dem HL STÄCKE ‘Stecken’ verwechselt werden.

In vielen Fällen ist es nicht möglich, Stock einer der aufgeführten Bedeutungen zuzuweisen. Vermutlich dürften aber die Rodung ursprünglich bestockter Flächen und die Felsformation die wichtigsten Elemente sein.

Das Simplex im Singular ist als der Stock (Ausserbinn und neun weitere Gemeinden), im Stock (Binn), uf dem Stock (Zermatt) und historisch als der Stock (1650 (ca.), Ried-Brig), im Stock (1593, Blitzingen; 1733 u. später, Eischoll) und anderen Präpositionen (vier Gemeinden) belegt. Nur einmal kommt ts Stock (Fieschertal) vor, wobei unklar ist, ob hier eine Präposition ‘beim Stock’ oder ein Kollektivum ‘das Stock’ gemeint ist, das eine Alp beim Stockji meint. Das Simplex im Plural ist umgelautet Steck und belegt als t Steck (Glis, Kippel) und Steck (FLNK, Münster), flektiert als bine Stecke ‘bei den Stöcken’ (Ritzingen). Die unumgelautete, schwache Form ist t Stocka (Martisberg), Stocke (FLNK, Zermatt) und Stocke (Ulrichen, wo FLNK Stock und SK Stockje hat). Historisch hat Mund 1542 die Stoka, das sowohl Singular wie Plural sein kann – ein femininer Singular fehlt aber sonst. t Stockna (Ernen) und t Stockena (Blitzingen) zeigen eine erweiterte Form, die auch als Ableitung interpretiert werden kann.

Das Diminutiv im Singular ist ts Stocki (Geschinen und drei weitere Gemeinden, drei jeweils doppelt), ts Stockji (Baltschieder und zwei weitere Gemeinden), ts Stockje (Zermatt) und - historisch - im Stockÿ (1765 u. später, Obergesteln) und im Stockiÿ (1825, St. Niklaus). Hier treten SK und LT öfters mit anderen Schreibungen auf. Der Plural des Diminutivs ist als t Stockini (Birgisch (dreimal) und drei weitere Gemeinden), t Stockjini (Eisten und vier weitere Gemeinden), t Stockine (Saas-Almagell) und den historischen Belegen in den Stockinen (1688, Bürchen; 1745, Niederwald), in die Stockini (1774 (?), Eggerberg), und zen Stocklinen / zen Stockjinen (1809 u. 1852, Staldenried) belegt.

Ein eigentliches Namennest findet sich etwa in Steg, wo neben Stock (Alpe, bestocktes Gebiet) auch Stockalpji, Stockblattu, Stockfäricha, Stockgalerii, Stockgrabu, Stockläger, Stockleiber und Stockstäge belegt ist, alle unterhalb oder oberhalb der Alpe Stock.

Mit attributiven Adjektiven kommt das HL als Grundwort wie folgt vor: der (e)Rot Stock ‘der rote Stock’ (Gampel), ts (e)Rot Stockji ‘der kleine rote Stock (LT Rots Stockji (Gipfelname), FLNK Rot Stockji)’ (Baltschieder), der Breit Stock ‘das breite Gebiet mit Baumstöcken’ (Binn), Kleinstockji ‘der kleine Stock’ (1833, Eisten, Grächen; beide ohne Kontext, unklar), bim Eintu Stock ‘beim einzelnen (Baum-)Stock’ (Embd), Gries Stockji ‘der kleine, grüne Felssstock’ (LT, FLNK, Mund), aŭff den Grosen Stock’ auf den grossen Stock’ (1668, Reckingen), der Gross Stock ‘der grosse Stock (Lärchenstock)’ (Grengiols), Hochstock (1684, Ried-Mörel; historisch auch Bitsch), Hohstock (SK, Fieschertal) und der Hostock (Bitsch, Naters) – entweder ein ‘hoher Felsstock’ oder ein ‘hochgelegenes, bestocktes Gebiet’, der Milt Stock ‘der milde Stock (Felsstock?)’ (1550, Obergesteln), zum Nideru Stockji ‘beim niederen (unteren) kleinen Stock (Scheidchromu: wo die Schafe geschieden (auf die Besitzer aufgeteilt) werden)’ (Eisten), im Nÿwen Stock ‘im neuen Stock (Haus; die Quelle sagt: im Nÿwen Stock oder Huss)’ (1587, Agarn), der Ober und der Unner Stock ‘der obere und der untere Felsstock’ (Münster) (und weitere vergleichbare Beispiele, hier nicht aufgeführt), ts Ober und ts Unner Stockji ‘der obere und der untere Teil der Alpe Stockji (kleiner Stock)’ (Visperterminen) (und weitere), in der úntern Stocken ‘in der unteren Stocken(alp)’ (1829, Bitsch), jm Vssren Stock ‘im äusseren Stock’ (1696 u. später, St. Niklaus), Rotstock ‘der Rotstock (Gipfelname)’ (Naters), im Rotu Stock ‘im roten (Fels-)Stock’ (St. Niklaus), der Teiffestock ‘der tiefe Stock (LT Tiefentock, Gipfelname, Grenzgipfel zum Kanton Uri)’ (Oberwald), im … Weissen Stock ‘der weisse Stock (wohl Felsstock?)’ (?, Stalden).

Vorangestellte Genitive zum HL sind selten: ts Schmittsch Stockji ‘der kleine Stock (Felsblock) des Schmiedes / der Familie Schmid’ (Naters) und Walchero Stockini ‘die kleinen Stöcke (bestockte Stücke Land) der Familie Walker’ (1790, Bitsch).

Zweigliedrige Komposita mit dem HL als Grundwort sind Gipfelnamen wie in der Dammastock ‘der Dammastock (Gipfelname, Grenze zu Uri, laut URNB 3, 453 zum Gebiet Damma)’ (Oberwald), der Eggstock ‘der Stock (Gipfel), der eine Ecke hat’ (Oberwald), der Galestock ‘der Galenstock (Gipfelname an der Grenze zu Uri; URNB 3, 460 f., benannt nach dem darunter Gebiet Galen)’ (Oberwald), der Geschenerstock ‘der Felsstock (Gipfel) bei Geschinen (FLNK u. LT Geschinerstock)’ (Geschinen), Geschinerstock ‘der Geschinerstock (Gipfelname, LT u. FLNK Geschinerstock, auch Geschenerstock)’ (Ulrichen), Limistock ‘der Limistock (Gipfelname, Grenzgipfel zwischen Bern und Wallis, BENB 1, 3, 107)’ (Oberwald), der Nufenestock ‘der Nufenenstock (Gipfelname, Grenze zum Kanton Tessin)’ (Ulrichen), der Rhonestock ‘der Rhonestock (Gipfelname, Grenze zu Uri)’ (Oberwald), der Schneestock ‘der Schneestock (Gipfelname, Grenze zu Uri, URNB 3, 496)’ (Oberwald), der Tällistock ‘der Tällistock (LT Tällistock, Gipfelname, westlich Rhonegletscher, benannt wohl nach Tiertälli ‘das kleine Tal mit Gemsen’)’ (Oberwald), der Tällistock ‘der Tällistock (LT Tällistock, südlich Furka, beim Tälli (kleines Tal))’ (Oberwald), der Trubilstock ‘der Trubelstock (Gipfelname; LT Trubelstock; SK Trubelnstock)’ (Varen, zu Truble < rom. TURBULU ‘Lärm’), Üelistock ‘der Üelistock (Gipfelname, nach der Gemeinde Ulrichen benannt)’ (Obergesteln), der Üelistock ‘der Üelistock (Gipfelname, benannt nach der Gemeinde Ulrichen)’ (Ulrichen) (identischer Gipfel in den beiden Gemeinden).

Mit Baumnamen erscheinen: Arbstock (lat.: de pini trunco ‘vom Tannenstock’) ‘der Arvenstock’ (1525, Simplon), ein Massholderstock ‘der Ahornstock (lat.: arbusculum carpineum ‘das Hagebuchbäumchen’)’ (1592, Leuk, Kopialbuch), ein Massholterstock ‘der Ahornstock (lat.: arbusculum carpineum ‘das Hagenbuchbäumchen)’ (1592, Salgesch, wohl Original), wobei die Hagebuche (CARPINUS BETULUS) im Oberwallis nicht vorkommt (LAUBER / WAGNER / GYGAX 52014, 212 s. v. CARPINUS BETULUS). Ein Pflanzenname ist in der Dischtelstock ‘der Felsstock bei den Distelsetz (Felsabsätze mit Disteln)’ (Fieschertal) vertreten, doch bezieht sich hier der Name wie in anderen Fällen eher auf eine nahegelegene Flur. Dazu gehören auch etwa der Hirelistock ‘der Felsstock beim Hireli (kleines Horn)’ (Ulrichen), der Jodrustock ‘der (Baum-)Stock des Joder / beim Joderloch’ (Eischoll) oberhalb des Jodruloch, inn (e)Reschistecken ‘in den Baumstöcken bei der Reschti (Raststelle)’ (Blatten) und andere. Sonderfälle sind einerseits der Judestock ‘der Dorfteil der Juden’ (Biel), wo wahrscheinlich die Wohnstätte von Juden (aber das ist unklar) gemeint ist, und zum Bildstockji ‘zum kleinen Bildstock’ (Glis), wo laut Gwp. eine Heiligenstatue in einem Felsen gemeint ist; normalerweise sind solche Orte nach dem jeweiligen Heiligenbild benannt. Komplexer sind etwa der Schemattestock ‘der (Fels-)Stock oberhalb der schönen Wiese’ (Münster; 1879, Ulrichen als Schönmattstock), der auch Mosmattestock ‘der (Fels-)Stock oberhalb der Wiese im Moos (sumpfiges Gelände)’ (Münster) heisst, der Chietalstock ‘der Felsstock oberhalb der Alp Chietal (Kühtal)’ (Münster), Kriegalpstock ‘der Stock (Gipfel) oberhalb der Chriegalpe’ (SK, Binn) und andere.

Einen Sonderfall bietet das 1456 in Zermatt belegte zen Maroler Stek. Es ist vermutlich durch eine falsche Abtrennung (Maroler zu am Aroler) aus ‘bei den Stegen von Aroleid’ entstanden (vgl. der Aroleitstäg).

Als Bestimmungswort tritt das HL in zweigliedrigen Komposita mit folgenden Grundwörtern auf: Acher, Alpa, Blatta, Bodu, Bord, Brunnu, Chnubel, Chäla, Egg(a), Färich, Flesch, Flüö, Galerii, Gassa, Gletscher, Grabu, Hitta, Hooru, Läger, Lamma, Löüb, Loch, Mad, Matta, Müra, Pletscha, Schleif, Schluocht, Schniida, Stafel, Stäga, Wäg, Wald, Wang, Wanna, Wasser, Weid und Zü auf. Bachtela und Wasserleita sind komplexere Bildungen. Dazu kommen weitere komplexe Konstruktionen wie ts Ober Stockwaldläger ‘die obere Lagerstelle für das Vieh im Stockwald (Wald mit Baumstöcken)’ (Niedergesteln), im Undru Stockwaldläger ‘in der unteren Lagerstelle für das Vieh im Stockwald (Wald mit Baumstöcken)’ (Niedergesteln), dr Stockbletschuschleif ‘der Schleif bei der Stockbletschu (ebene, bestockte Fläche, so nicht belegt in Kippel)’ (Kippel) und andere mehr.

Eine Ableitung Stockeri ‘die Wasserleitung zum Stock (Gebäude)’ (FLNK, Naters) enthält das Suffix -ERI, das für Wasserleitungen verwendet wird. Ob die Ableitungen Steckilgraben (1761) und das verhochdeutschte Stöckelgraben (1757, beide Simplon) zum HL STOCK zu stellen sind (wie ID. 10, 1782 nahelegt), ist unklar.

Eine kollektive Ableitung ts Gstock ‘das Felsengebiet’ (Obergesteln) und dessen Diminutiv ts Gstocki ‘das kleine Gebiet mit Baumstöcken’ (Obergesteln) ist in ID. (10, 1773) notiert, gilt aber als unsicher. In Obergesteln wird das Kollektiv sowohl für eine Felsenformation wie für ein Gebiet mit Baumstämmen verwendet.

VSNB, Bd. 4, Sp. 246

Vorkommen

gstock

gstocki

steck

stecke

stecken

steckli

stecku

stock

stöck

stock

stocka

stocke

stocken

stockena

stockene

stocker

stockeri

stocket

stockgi

stocki

stockine

stockinen

stockini

stockje

stockji

stockjinen

stockjini

stockna

stoka