Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch

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Hauptlemma

Gesteln

Gesteln ist eine schriftsprachliche Form, die vor allem in den Gemeindenamen Obergesteln (heute Obergoms) und Niedergesteln zu finden ist. Die dialektale Form für Obergesteln fehlt, jene zu Niedergesteln ist Geschtillu. Die historischen Belege zu den beiden Gemeindenamen sind nicht gleich: Obergesteln wird 1309 de Castellione genannt, ebenso 1322 und 1333 und in späteren Belegen, sofern nicht ein Gestilen (1347) erscheint. Es ist also zu lat./rom. CASTELLIONE(M), Dim. zu mlat. CASTELLUM ‘befestigtes Lager, Burg’ (GUEX 1976, 185; WERLEN 1991, 246) zu stellen. Niedergesteln dagegen erscheint im ersten Beleg zwischen 1179 und 1184 als Chastellon, 1189–1203 Chastellun, 1219 Chastelan und erst 1224 u. später als Castellione. Hier ist also zunächst die frpr. Form erwähnt, bevor das lat. CASTELLIONE(M) erscheint. Das Interessante daran ist, dass die Namen beider Gemeinden heute mit einem anlautenden /g/, ursprünglich /k/ als Lehnappellativ (dazu GLATTHARD 1977, 281 f.) ausgesprochen werden. Diese Entlehnung ist sicher älter als das inlautende /š/ von Niedergesteln, sodass mindestens zeitweise eine frpr. und eine ‘deutsche’ Form nebeneinander existierten. Während sich in Niedergesteln tatsächlich Ruinen einer Burg befinden, gilt das für Obergesteln nicht.

Ebenfalls als Simplex erscheint Gäschtilju (Leuk), das als „Felsplatten, dahinter Wiese“ beschrieben ist, also eine Felsformation wie für eine Burg aufweist. Hierzu gehört Gäschtiluheechi ‘die Höhe beim Gebiet Gäschtilju’ (Leuk), wo das HL als Bestimmungswort erscheint. Die Lautung mit /ä/ an Stelle von /e/ ist für Leuk nicht ungewöhnlich.

Als Bestimmungswort erscheint das Geschtill in Niedergesteln zusammen mit den Grundwörtern Brigga, Grund und Matta, wobei die Gestelnbrüken auch in einem Dokument von 1852 aus Steg belegt ist. In Obergesteln ist das HL als Gestill, Gesteler und Gestler belegt, wobei die letzteren zwei wohl ursprüngliche Genitive Plural sind, die als Adjektiv verwendet werden (SONDEREGGER 1958, 526 ff.). Sie treten zusammen mit den Grundwörtern Gale, Grimsel, Licka, Matta und Wäg auf. Komplexer ist Geschtjier Riedbärg (FLNK, Niedergesteln; auch LT), ein Teil eines Riedbärgwald benannten Gebietes auf der linken Rottenseite, der zu Niedergesteln gehört.

Eine /-ER-/Ableitung als Stellenbezeichnung (SONDEREGGER 1958, 541 ff.) findet sich in der Geschtiller ‘der Ort, der wie eine Burg aussieht’ (Visperterminen, FNLK Geschtiler).

Ein komplexes Adjektiv erscheint in Obergesteler Wald ‘der Wald, der zu Obergesteln gehört’ (SK, Obergesteln). Ebenfalls ein Adjektiv ist in das Gestolen Wengi ‘der kleine Grasabhang bei Gesteln (unklar, kaum PP gestolen)’ (1752, Simplon) belegt. Die unklare Form könnte je nach Betonung auch ein Partizip Perfekt gestolen enthalten, das ist jedoch unwahrscheinlich.

Ein Genitiv Plural ist in Gestillero Stadel ‘der Stadel der Leute von Gesteln (unklar, welches Gesteln gemeint ist)’ (Törbel) belegt.

Nur auf LT ist Ruine Gestelnburg erwähnt, eine Burgruine, im 13. Jahrhundert erbaut von den Freiherren von Turn-Gestelnburg, die sich oberhalb von Niedergesteln befindet.

VSNB, Bd. 2, Sp. 265

Vorkommen

gäschtilju

gäschtilu

geschtill

geschtiller

geschtillu

geschtjier

gestel

gesteler

gesteln

gestil

gestillerro

gestler

gestolen